Papst Benedikt XVI.

Die musikbegabte Putzfrau im Vatikan

Manfred Ferrari

Als ich nach meiner ersten Reise nach Kuba nach Rom zurückkehrte und durch meine etwas naive, undiplomatische Aktion im Vatikan einigen Ärger verursacht hatte, besuchte ich eines Tags den früheren Rektor der päpstlichen Diplomatenakademie, der lange in Kuba als Nuntius gewirkt hatte. Erzbischof Cesare Zacchi galt als einer der fähigsten Diplomaten des Vatikans. Entgegen der üblichen Praxis wurde Zacchi an seinem Wirkungsort zum Bischof geweiht. Dass er von Fidel Castro besonders geschätzt wurde zeigte sich durch die Tatsache, dass der Maximo Lider es sich nicht nehmen liess, bei der Ordinierung des Diplomaten persönlich anwesend zu sein. Seine Sympathie liess sich auch auf dem Vorplatz der vatikanischen Botschaft erkennen. Dort standen Nigel nagelneue Alfa Romeos, die Fidel Castro persönlich dem Botschafter aus dem fernen Vatikan geschenkt hatte.

Ich erinnere mich gerne an mein Gespräch mit diesem Vollblut Diplomaten, der mir zwar nicht die Leviten gelesen, mich aber auf meine Fehler sanft aufmerksam gemacht hatte. Als mich Zacchi fragte, ob ich gerne einen Kaffee trinken möchte und ich bejahte, kam kurz darauf eine äusserst attraktive, junge Bedienstete herein. Als die vatikanische Schönheit den Raum verlassen hatte, platzte es aus mir heraus: «Exzellenz, diese Dame ist aber nicht im kanonischen Alter!». (Wikipedia: Im Volksmund nannte man auch die nicht näher bestimmte Altersvorschrift für nicht verwandte Pfarrhaushälterinnen - provectior aetas, in der Regel 40-45 Jahre - kanonisches Alter).

Der betagte Erzbischof schaute mich verdutzt an und entgegnete: «Ja, ja...aber bald!». 

Nicht nur der gewiefte Diplomat wusste um die tüchtige Haushaltshilfe. Sie war auch dem polnischen Pontifex aufgefallen und als Cesare Zacchi starb, fragte Papst Wojtyla Kardinal Joseph Ratzinger, ob nicht er die inzwischen im kanonischen Alter stehende «Putzfrau» einstellen möchte. Der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation zögerte nicht lange und so wechselte die durch ihre Frömmigkeit bekannte Frau ihren Arbeitgeber. Wer die Hintergründe dieser Geschichte kennt, der weiss, dass die Dame nicht nur eine grossartige Haushalthilfe war, sondern auch eine begabte Musikerin, die früher als Professorin für Musik gewirkt hatte und in ihrer Demut diese eher bescheidene Tätigkeit im Vatikan aufgenommen hatte.

Als Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, endete ihre «Karriere» als Haushalthilfe. Sie fand eine ihrer Fähigkeiten würdigere Aufgabe im päpstlichen Staatssekretariat. Vielleicht wollten die internen «Macher» im Vatikan verhindern, dass die tüchtige Deutsche eine ähnliche Rolle spielen könnte, wie seinerzeit  Sr. Pasqualina bei Papst Pius XII, als informelle Beraterin von Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli. Doch dieser Ruf blieb der "Putzfrau von Gottes Gnaden" auch in Zukunft erhalten, wissend um ihren geistlichen und musikalischen Kontakt zum deutschen Papst.

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