Europa und seine christlichen Wurzeln

Eberhard von Gemmingen SJ

"Muss Europa das Christentum und seine christlichen Wurzeln neu entdecken?

Hilft Papst Franziskus dazu?"


Vortrag in Grünwald am 15. Juli 2018

Ich vertrete die These: Die Christen hier in Europa müssen Jesus Christus, das Christentum, seine Lehre und das Entscheidende der Kirche neu entdecken. Das ist die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des christlichen Lebens. Ohne diese Neuentdeckung wird es nicht gehen. Und Papst Franziskus gibt einen guten Anstoß dazu. Ich möchte diese These erklären und versuchen, sie zu verteidigen.

Doch möchte ich mit den Fragen beginnen, die Sie vermutlich ebenso wie unzählige andere bewegen:

  1. Sollte das Kreuz in öffentlichen Gebäuden hängen?
  2. Dürfen evangelische Ehepartner in Mischehen und geschiedene Wiederverheiratete die Kommunion empfangen?
  3. Ist Papst Franziskus im Gegensatz zu seinen Vorgängern zu liberal, weicht er die Lehre auf?
  4. Sollten in staatlichen Gebäuden Kreuze hängen, weil die Kultur und Gesellschaftsordnung von Deutschland und ganz Europa wesentlich vom Christentum geprägt sind?

Die europäische und deutsche Zivilgesellschaft wäre gut beraten, dafür zu kämpfen, dass möglichst viele Europäer Jesus Christus kennen und die Bedeutung des Kreuzes. Es weist auf den Mann hin, der sein Leben für andere hingegeben hat. Das ist der Kern des Christentums. Und dieser Kern hat wesentlich dazu beigetragen, das europäische Menschenbild und seine Gesellschaftsordnung zu prägen.

Europa verliert seine Identität, seine Schönheit und Stärke, wenn es Jesus Christus vergisst. Aber es ist nicht Sache des Staates, dieses Vergessen zu verhindern. Es ist Sache der Zivilgesellschaft, das heißt der Bürger selbst und ihrer Zusammenschlüsse. Es ist nicht nur Sache der Kirche. Wenn die Zivilgesellschaft weise ist, nimmt sie sich die Sache Jesu Christi in die Hand. Damit sorgt sie für ihr eigenes Wohl. Viele Bürger sollten an vielen Stellen Kreuze aufhängen und wissen, was das Kreuz sagt.

Vielleicht übertreiben wir in Deutschland auch die Betonung der staatlichen Neutralität, die Trennung von Kirche und Staat. In England ist das anders: die Königin ist Chefin von Kirche und Staat. Das ist kein Ideal, sondern fragwürdig, aber wir nehmen vielleicht die staatliche Neutralität in gut deutscher Manier mal wieder zu ernst. Bis vor wenigen Jahren waren die Schweden mit der  Geburt Mitglied ihrer Staatskirche. Wenn die Europäer bald nicht mehr wissen, wie der Mann am Kreuz heißt, dann ist Europa am Ende seiner Identität. Dann wird Europa von China oder Mohammed bestimmt.

  1. Warum zögert die katholische Kirche geschiedene Wiederverheiratete und evangelische Partner in Mischehen zur Kommunion zuzulassen?

 Erlauben Sie mir dazu einen kurzen Text zu lesen, den ich vor Kurzem geschrieben habe:

„Stellen Sie sich bitte ein altes verfallenes Holzhaus vor, eher eine Hütte,  inmitten von Wolkenkratzern. Offenbar stehen geblieben aus guter alter Zeit. Es hat noch ein Türmchen und eine ziemlich kaputte Holztür. An der Wand Schmierereien „Zentrum für Konservative“, „Welt von gestern“.

Wer nahe an die Türe herangeht, liest auf einem alten Schild „Kirche“. Ein Mann in seltsamem Gewand kommt aus der Tür und sagt „Hier wohnt Jesus“. Der Besucher fragt: „Kann ich ihn mal sprechen?“ Der Mann an der Tür sagt: „Ich bin nur verantwortlicher Türhüter“. Sie können schon reinkommen, aber ich muss Sie warnen: „Jesus ist ein Freiheitskämpfer und er sucht Mitkämpfer. Er ist liebenswürdig, aber anspruchsvoll. Er hat schon viele Niederlagen eingesteckt, aber er gibt nicht auf. Er sucht Mitkämpfer. Wenn Sie sich auf ihn einlassen, erwartet er Solidarität, Verbindlichkeit, Treue. Er ist schwer enttäuscht, wenn jemand nur `Guten Tag` sagen will. Er freut sich, aber nehmen Sie ihn ernst. Sie werden schon sehen: Wenn Sie ihm die Hand geben, nimmt er sie an seine geschundene Hand. Sie hat viele Wunden, aber sein Handschlag ist ernst gemeint.“

Also Kommunion ist auch für Katholiken keine Belohnung für Fromme. Die Türe macht zwar ein Kirchenmann auf, das Hineingehen muss man selbst verantworten.

  1. Ist Papst Franziskus zu liberal? Weicht er von Papst Benedikt ab?

Ich glaube: Nein. Aber Papst Franziskus hat gemerkt, dass die Kirche ein unrichtiges Bild von Jesus Christus vermittelt hat. Die Kirche hat den Eindruck verbreitet, Christus sei ein Moralist. Die meisten Christen haben den Eindruck, dass Kirche hauptsächlich lehrt, was erlaubt und was verboten ist, dass sie eine Moral lehrt. Und das ist falsch. Christus hat zur Umkehr aufgerufen. Alle müssen sich bekehren, die Tugendhaften, ebenso wie die Sünder. Und die Umkehr ist nicht eine Sache, die ein für alle Mal gelingt, sie muss jeden Tag neu gelingen. Und die Umkehr ist nicht nur die Abkehr von den eigenen Fehlern, sondern der Glaube an das Reich Gottes, der Glaube daran, dass Gott hier und heute bei mir ankommt, wenn ich ihm die Türe meines Herzens öffne. Glauben ist ein ständiger Weg. Papst Franziskus ist nicht liberal, aber er sieht, dass die Kirche den Eindruck vermittelt hat, dass nur Sündelose richtig dazu gehören. Nun zu meiner zentralen These.

Europa und die Neuentdeckung des Christentums.

Ich vertrete die vielleicht ein wenig überspitzte These: Die allermeisten getauften, also christlichen Europäer kennen Jesus Christus für die Ansprüche der heutigen Zeit viel zu wenig. Das ist ein wesentlich zentraleres Problem als viele andere, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden wie etwa Zölibat, Frauenordination, und Kommunionempfang. Ich vertrete die These: Die getauften Europäer müssten Jesus Christus in einer tieferen Weise kennen lernen und für die heutige Zeit entdecken. Nur so hat das Christentum in Europa eine Chance.

Ich spreche ausdrücklich von den Europäern. Denn in vielen Ländern vor allem Asiens und Afrikas wird das Christentum ja eben erst entdeckt. Ich nenne besonders China. Millionen Chinesen haben in den vergangene rund zwanzig Jahren Jesus Christus entdeckt. Christliche Gemeinden haben dort eine riesige Anziehungskraft. Jesus Christus ist anziehend, während in Europa viele meinen, seine Zeit sei vorbei. Der Grund dafür ist zum Teil, dass seine Kenntnis nicht auf der heute notwendigen Höhe ist. Die Katholiken haben es in China besonders schwer, weil Peking ihre Abhängigkeit von Papst ablehnt. Aber chinesische Freikirchen haben einen riesigen Zulauf. Vielleicht zehn Prozent aller Chinesen nennen sich heute Christen. Angeblich gehen in China jeden Sonntag mehr Menschen in einen christlichen Gottesdienst als in allen Ländern Europas zusammen. Jesus Christus ist für nachdenkliche Menschen anziehend, attraktiv.

Woher kommt das Problem in Europa: Um es kurz zu sagen: meiner Ansicht nach stehen heute dem Glauben an Jesus Christus drei Dinge im Weg:

Die Säkularisierung und der Materialismus

Die Kirche mit ihren Fehlern und Sünden

Und die Unkenntnis.

Ich beginne mit der Unkenntnis und komme damit auch zur Neuentdeckung Jesu Christi.

Vielleicht ist meine These zu gewagt. Aber ich spitze lieber zu, um deutlich zu machen, worum es mir geht. Ich unterscheide grob zwischen zwei Gruppen: Die getauften Christen, die eigentlich fast nie in den Gottesdienst gehen, vermutlich kaum etwas über das Christentum lesen, vermutlich auch selten beten und einfach wenig vom Christentum wissen. Und die andere Gruppe: die sonntäglichen Kirchgänger. Sie kommen heute freiwillig mit dem Wunsch, etwas für ihr Leben zu bekommen.

Ich vermute, dass die allermeisten nur getauften katholischen und evangelischen Christen, die nicht praktizieren, äußerst wenig vom Christentum wissen und das was sie wissen, sind teils falsche, teils einseitige Kenntnisse. Leider finde ich auch bei Meinungsforschungen wenig über den Stand des religiösen Wissens derer, die sich Christen nennen. Um es sehr vereinfachend zu sagen: Die meisten dieser Menschen werden den Eindruck haben: Die Kirchen lehren, wie man sich zu verhalten hat: Nicht stehlen, nicht lügen, nicht Ehebrechen, nicht. Im Wesentlichen der Inhalt der zehn Gebote. Und dazu die Gebote: Man soll beten, in den Gottesdienst gehen, seine Kinder richtig erziehen, Steuern zahlen. Das Unterscheidende zwischen den Konfessionen: Katholiken erhalten klare Weisungen durch Papst und Kirche, Evangelische dürfen ihrem Gewissen folgen. Katholiken sind strenger, Evangelische sind liberaler, sind nicht so streng. Ich weiß, dass ich vereinfache, aber ohne solche Vereinfachungen kommt man an die Fragestellung nicht gut heran. Es kommt aber noch etwas schlimmer: Das was die meisten wissen oder zu wissen meinen, ist nur halb richtig. Daran ist zum guten Teil die Berichterstattung der Medien schuld. Denn in den Medien reicht der Raum nicht, um Fragen genau darzustellen. Um es noch mit einigen Strichen zu charakterisieren. Sie meisten wissen: Katholiken ist die Ehescheidung verboten, Protestanten ist sie erlaubt. Alle wissen, dass das oberste Gebot die Nächstenliebe ist.

Um noch ein wenig konkreter zu werden: Praktizierende Christen können wohl das Vater unser auswendig und auch andere Grundgebete, sie kennen die zehn Gebote, die Bergpredigt. Sie wissen, was mit Jesu Liebesgebot gemeint ist, mit Jesu Prozess, Kreuzigung, Auferstehung, mit Kirchengründung. Sie wissen um Paulus, die Apostelgeschichte. Sie wissen viel. Ich habe die starke Vermutung, dass auch die praktizierenden Christen vor allem die ethischen Weisungen des Christentums kennen, also das „Du sollst, Du sollst nicht“. Für sie ist Christentum vor allem eine Morallehre. Nur wenn Du Dich an diese Lehre hältst, kommst du in den Himmel, bist du ein guter, ein ordentlicher Christ. Christsein heißt für sie vor allem in Ordnung leben. Das Glauben an Jesus Christus, die Kenntnis Jesu Christi wird vorausgesetzt.

Aber reicht das heute angesichts der kritischen Fragen aus der Wissenschaft und Technik und angesichts der Präsenz der Muslime? Könnten sie einem gläubigen Muslim erklären, warum sie Jesus von Nazareth für den Sohn Gottes halten? Warum sie Jesus von Nazareth anbeten,  warum sie ihn für den Erlöser der Welt halten, warum sie glauben, dass er am Ende der Zeiten wiederkehren wird? Warum sie ihn für ihren persönlichen Erlöser halten?

Könnten sie erklären, warum sie im Credo bekennen: Gott hat die Welt geschaffen – nicht in sieben Tagen, aber dennoch geschaffen. Könnten sie erklären, was es bedeutet, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. Es reicht nicht, dass sie sagen können: Es steht so in der Bibel. Das reichte bis vor 100 Jahren, heute reicht diese Auskunft nicht. Man muss mehr dazu sagen können.

Ich fürchte, das Grundwissen des heutigen Kirchgängers ist für die heutige Zeit zu gering. Und ich sage mal. Das ist primär nicht die Schuld des praktizierenden Christen, sondern Defekt der Kirche. Sie schafft es bisher nicht, den Kirchgänger auf die Höhe der Zeit zu bringen.

Nun möchte ich aber nicht kritisieren, sondern Sie hier einladen, auf einen Weg der Neuentdeckung zu gehen. Wir sollten und wollen Jesus Christus neu entdecken.

Hier kann ich heute nur ein paar Hinweise geben. Die Durchführung der Neuentdeckung kann vielleicht morgen bei Ihnen zuhause beginnen. Ich gestehe: Auch ich selbst habe ziemlich spät angefangen, Jesus persönlich kennen zu lernen.

Jesus ist äußerst interessante Persönlichkeit. Er fällt aus der Reihe, er ist aufregend, er passt nicht in die Klischees, die wir Menschen meist von Menschen haben. Er provoziert, ärgert, er überfordert maßlos und vergibt dem, der der Forderung nicht nachkommen kann. Er ist vor allem kein Moralist, also ein Lehrer einer Moral. Er übersteigt oder untergräbt alle Moral. Man muss genau hinschauen, um ihn kennen zu lernen. Er fällt vor allem aus der Rolle. Er ist nicht einzuordnen.

Schauen wir genauer hin: Der junge Mann vom Lande aus dem kleinen Dorf Nazareth, wo man vermutlich wenig lernen konnte, widerspricht den studierten theologischen Lehrern in Jerusalem. Schauen Sie mal nach bei Mathäus fünf, 21 Folgende:

„Ihr habt gehört: Du sollst nicht töten.   I c h    aber sage euch: Du sollst Deinem Bruder nicht mal zürnen. – Ihr habt gehört, Du sollst nicht ehebrechen.   I  c  h  aber sage euch: Wer seine Frau auch nur lüstern ansieht. – Ihr habt gehört, Du sollst keinen falschen Eid leisten. I c h   aber sage euch: Du sollst überhaupt nicht schwören.“

Er tritt mit ungeheurer Autorität auf. Man kann verstehen, dass seine Verwandten mit Maria einmal zu ihm in ein anderes Dorf gingen und ihn aufforderten, nach Hause zu kommen. Sie hielten ihn für übergeschnappt. Die Theologen aus Jerusalem kamen und sagten: er hat einen bösen Dämon. Er ist besessen.

Es geht mir jetzt nicht um die Frage, ob wir uns an seine Aufforderungen, etwa die Feinde zu lieben, halten können oder wollen. Es geht mir um den Menschen, der diese Forderungen stellt. Wer ist dieser junge Mann? Wie kommt er zu diesen selbstsicheren Thesen? Woher kommt sein Mut, seine Selbstsicherheit? Er ist revolutionär. Wir moderne Christen sollten vielleicht wieder anfangen, über ihn zu staunen. Wir sollten das Staunen wieder lernen und uns vielleicht an ihm reiben oder sogar ärgern. Wenn wir uns nicht an ihm reiben, haben wir ihn nicht verstanden.

Wir sollten in der ganzen heutigen Diskussion um Barmherzigkeit und Strenge der Kirche uns immer wieder erinnern: Dieser Jesus ist provozierend. Er ist maßlos anspruchsvoll, er überfordert und gleichzeitig ist er mit dem Sünder, der überfordern ist und das einsieht, ungeheuer barmherzig. Er passt vor allem nicht in eine bürgerliche oder gar spießbürgerliche Welt.

Wir sollten uns immer wieder fragen: Kennen wir ihn eigentlich schon? Ist er nicht noch einmal ganz anders als wir dachten. Holen wir ihn aus der der Schublade, in die die Kirche oder wir selbst ihn gesteckt haben. Also Jesus ist der große Provokateur, der kulturelle Umstürzler. Die Kulturrevolutionäre der 68-er Jahre haben etwas davon erkannt, aber ihn dann wieder in  i h r e Tasche stecken wollen, in ihre marxistische Tasche. Und Spießbürger sind auch in Gefahr, ihn in ihre Tasche zu stecken.

Es gibt einen modernen Juden, der irgendwann in seinem Leben seinen Landsmann Jesus entdeckt hat und ihn seither bewundert, ohne Christ zu werden. Es ist Amos Oz. Vielleicht haben Sie über ihn gelesen. Ihm sei als Kind immer beigebracht worden, wegzuschauen, wenn er an einer Kirche oder einem Kreuz vorbekomme. Das habe er auch getan. Später sei er dann auf das Neue Testament gestoßen und habe begonnen zu lesen. Er schreibt: „Ich las die Evangelien und verliebte mich in Jesus, in seine Vision, seine Zärtlichkeit, seinen herrlichen Sinn für Humor, seine Direktheit, in die Tatsache, dass seine Lehren so voller Überraschungen stecken und so voller Poesie sind.“

  1. Jesus - der große Dichter. Entschuldigen Sie bitte diese Formulierung.

Ich möchte hier zunächst an das Vater unser denken. Ich habe erst spät in meinem Leben die sprachliche Größe des Vater-unsers entdeckt. Wir kennen es zu gut und stolpern nicht mehr über die Sprachgewalt und den Inhalt. Es bringt das ganze Drama der Welt in wenigen Sätzen auf den Punkt: Besteht dieses Drama nicht in den Gedanken: Geheiligt werde der Name des unerklärlichen Geheimnisses, das wir Gott nennen. Das Drama des Kommens seines Reiches, das Drama des Willens Gottes, das Drama des Welthungers, das Drama der Schuld, das Drama der Versuchung zum Egoismus. Das ganze Drama der Weltgeschichte in wenigen Worten, die auch jeder Ungebildete versteht. Und dieses Gebet kann auch jeder Muslim, jeder Hindu, jeder Buddhist sprechen. Jesus der Dichter.

Aber auch die Seligpreisungen sind Lyrik, sind sprachliche Wunderwerke. Selig die Armen, selig die Kleinen, selig die Barmherzigen.

  1. Jesus der Freund der Sünder, der Scheiternden, der nicht Erfolgreichen, der Ausgeboteten, der Verachteten. Papst Franzikus hat einmal gesagt: Gott liebt alle Menschen, besonders liebt er die Sünder.

Ja – er ist unendlich barmherzig mit den Sündern und streng mit den Selbstgerechten. Er lobt den Samariter, der den Mann im Dreck aufhebt. Er geht zum Essen beim Ausbeuter Mathäus. Er hat es mit den Randständigen und nicht mit den Etablierten. Er ist nicht auf der Seite derer, die alles schon besser wissen und sich für besser halten.

  1. Und: Jesus ist unendlich anspruchsvoll: Wer nicht alles aufgibt, kann nicht mein Jünger sein. Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Wenn Dich Dein Auge zur Sünde verführt, reiß es aus. Wer nicht sein Kreuz trägt, kann nicht mein Jünger sein. Jesus ist kein Wellness-Typ. Er ist kein Seelenstreichler, auch kein Hippy, kein Buddhist. Aber er ist eben auch kein Moralist. Er ist ein Kämpfer und sucht Mitkämpfer. Er ist keiner, der nur duldet, weil die Welt böse ist. Nein – er führt Krieg gegen Dummheit und Bosheit. Und ist gleichzeitig barmherzig, aber nicht harmlos. Vielleicht ist ein modernes Problem, dass Jesus – auch aufgrund falscher Darstellungen – als harmlos hingestellt wird: „Ach ja, das ist der liebe Jesus“. Nein – er ist äußerst anspruchsvoll. Und wer ihm nachfolgt, kann in heikle Situationen kommen.
  2. Jesus geht seinen Weg ohne Selbstmitleid in den Tod.

Er macht sein Leben fest am Vater im Himmel und ist daher ganz frei von Rücksichten. Der Philosoph Hegel vertritt die These. Jesus habe die Freiheit in der Welt gebracht. Jesus ist der ganze Freie, weil er sich nur an Gott festmacht. Man muss es sich auch klar machen: Jesus muss am Ende seines Lebens, vor dem Abendmahl und seinem Tod gemerkt haben: ich bin gescheitert. Mein Volk hat mich nicht anerkannt. Die Jünger, die sich ihm aus Begeisterung angeschlossen haben, haben ihn nicht verstanden. Sie haben um die ersten Plätze in seinem Reich gestritten, wollten Ehre und Anerkennung. Und dann sind sie alle davon gelaufen als es brenzlig wurde. Jesus muss gemerkt haben, dass er gescheitert ist, nicht verstanden wurde. Dass seine Leute feige waren und auch dumm. Welche Enttäuschung. Also nicht nur körperliches Leid, sondern vor allem auch seelisches Leid.

Das sind jetzt nur ein paar Striche, um ein Portrait Jesu zu zeichnen. Aber die paar Striche zeigen vielleicht, was ich meine, wenn ich die These vertrete: die meisten Getauften kennen Jesus zu wenig.

Nun aber eine kritische Frage zu dem, was ich hier über Jesus gesagt habe: Wenn ich so Jesus portraitiere, übersehe ich dann, dass wir an Jesus Christus als Sohn Gottes glauben? Staune ich nur über den Mann aus Nazareth, weil ich ihn eben als reinen Menschen ansehe? Hat er nicht überhaupt nur religiöse Bedeutung, wenn wir ihn als Sohn Gottes glauben? Leugne ich heimlich seine Göttlichkeit, wenn ich so über ihn staune?

Meine Antwort: Ich denke, wir verbauen uns den Blick auf ihn, wenn wir davon ausgehen: er ist ja der Sohn Gottes, daher ist nichts mehr an ihm erstaunlich, daher ist er herausragend, kann auch Wunder wirken, ist so mutig, so selbstlos. Ich wage zu behaupten. Wir kommen leichter zum Glauben an ihn als unseren Retter und Erlöser, wenn wir seine Menschlichkeit betrachten und dann zur Frage kommen: Ist er ein bloßer Mensch oder doch mehr?

Man kommt aber nicht durch das bloße Nachdenken zum Glauben, sondern nur durch das Staunen. Einerseits das Staunen über die Persönlichkeit Jesu, andererseits wohl auch durch das Staunen über die Menschen, die im Glauben an Jesus ihr Leben verbringen und notfalls aufopfern. Die ersten Christen, die ihr Leben als Märtyrer geopfert haben, haben die anderen überzeugt. Dass das Staunen über Jesus zur Anbetung und Hingabe geführt hat, das ist überzeugend. Zum Glauben kommt man im Aufsteigen. Im Betrachten dieses Jesus und im Staunen über das, was er in Menschen möglich macht. Wenn wir also als moderne Menschen sehen, wie der Glaube an Jesus Christus einen Pater Rupert Mayer, einen Fritz Gerlich, eine Mutter Teresa und eine Edith Stein motiviert hat, dann führt uns dies zum Glauben können. Auf jeden Fall müssen wir von unseren vereinfachenden Klischees Jesu Christi runterkommen. Wenn er nur der liebende gute Hirte ist und wir sonst nichts über ihn wissen, dann wird er uns wohl weniger mitreißen. Wir sind aufgefordert, ihn kennen zu lernen und mit ihm zu ringen.

Und mein besonderer Hinweis nun: Die Kultur Europas ist im Unterschied zu den Kulturen Asiens und Afrikas sehr wesentlich von diesem Jesus geprägt. Jesus Christus ist die Persönlichkeit, die Europa mehr als alle anderen großen Persönlichkeiten geprägt hat. Die Kultur, Gesellschaftsordnung, das Menschenbild Europas sind nur von Jesus Christus her zu verstehen. Und wenn wir Jesus Christus vergessen, verliert Europa seine Identität, seine Besonderheit, seinen Unterschied zu den Kulturen Chinas, Indiens, der buddhistischen Ländern, der arabischen Welt.

So hat die Kenntnis Jesu Christi auch eine große politische Bedeutung. Die größte Herausforderung für die Europäische Union ist die Unkenntnis Jesu Christi. Das ist meine eigentliche These.

Nun aber die Frage: Ist nicht aber die Religionsfreiheit das Grundlegende? Muss ein politisches Gebilde wie Europa nicht religionsneutral sein. Darf man fordern, dass Europa vom Christentum geprägt sein muss?

Meine Antwort: Zu Religion, zu einem religiösen Glauben darf niemand gezwungen werden, der Staat darf Religion nicht in die Hand nehmen, es gilt Trennung von Religion und Staat. Aber Religion ist keine Privatsache, Religion ist Quelle von Kultur. Daher ist das Zeigen oder Verschwinden des Kreuzes keine Nebensächlichkeit. Aber es ist auch nicht Sache des Staates das Kreuz aufzuhängen. Es ist Sache der weisen Bürger, der weisen Getauften.

Und die Herausforderung, vor der wir seit einigen Jahren stehen, ist mehr oder weniger neu. Durch Jahrhunderte wurde Glaube in Europa so weitergegeben wie Berufskenntnisse. Der Bauer lehrte seinem Sohn wie man Heu macht und Getreide erntet, der Schreiner lehrte seinem Sohn oder Lehrling, der Schmid seinem Lehrling etc. Die Eltern lehrten ihren Kindern, wer Jesus ist, wie man betet, wie man vertraut und glaubt. Die Bischöfe und Theologen entschieden, wo es lang ging. M a n   gehörte dazu.

In der Reformation gab es zwar einen Bruch, aber auch danach folgten eben die evangelischen Christen ihren Bischöfen und Lehrern, die katholischen den Ihren. Wissen war nicht so wesentlich.

Die heutige Großelterngeneration ist vielleicht die Letzte in Europa, die noch hauptsächlich von ihren Eltern gelernt hat, wie Glaube, Gebet und Sakramentenleben geht. Auch heute sind die wichtigsten Glaubenslehrer die Eltern. Wenn Eltern ihren Kindern Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Advent und die Fastenzeit nicht erklären können, dann ist der Religionsunterricht umsonst. Sie müssen aber auch nicht nur erklären können, sondern das, was sie sagen, auch leben.

Die Religionslehrer tun, was sie können, aber wenn die Eltern nicht mitmachen, nützt das meist sehr wenig.

Heute müssen wir erkennen: Wenn wir den Jesus Christus und den Glauben an ihn nicht persönlich kennen, hilft er uns sehr wenig oder gar nicht. Und wenn wir ihn nicht kennen, wird Europa seine Identität verlieren. Der entscheidende moderne Irrtum lautet: Religion ist Privatsache.

Wer möchte, dass das Christentum weiterhin Europa bestimmt, muss versuchen, modernen Irrlehren auf die Spur zu kommen und zu widerstehen. Soweit zum Thema Unkenntnis und Kenntnis des christlichen Glaubens.

Nun könnte man einwenden: Wenn das so ist, dann können einfache, wenig gebildete Menschen gar nicht an Christus glauben. Dieser Einwand ist falsch. Denn ich vermute, dass gerade auch wenig gebildete Menschen heute gleichsam intuitiv wahrnehmen können, welche Bedeutung Jesus Christus hat. Gefährdet sind die Halbgebildeten, Menschen, die den Zeitungen mehr glauben als ihrer Intuition. Ich denke, dass Personen, die als Kinder und Jugendliche etwas von Jesus Christus verstanden haben, auch nicht so leicht durch die öffentliche Meinung in die Irre geführt werden. In die Irre geführt werden eher Menschen, die meinen modern zu sein, allem, was die Kirche sagt, von vorne herein mißtrauen.

Und damit sind wir bei der zweiten Ursache der Probleme: Die Säkularisierung.

Ich möchte versuchen, den Begriff „Säkularisierung“ mit meinen Worten zu erklären. Jahrhunderte lang wurden die Phänomene des Kosmos und der Geschichte in Europa religiös erklärt. Die Europäer interpretierten Blitz und Donner als Zeichen Gottes, gute und schlechte Ernte als Lohn oder Strafe Gottes, die Geburt eines Kindes als Segen, Kinderlosigkeit als Strafe. Dahinter stand das Sprechen der Bibel, vor allem auch der Schöpfungsbericht. Die Welt wurde von Gott her interpretiert.

Vereinfachend muss man erkennen: Es kam die Naturwissenschaft, die den Menschen die Naturphänomene erklärte. Man verstand Naturereignisse nicht mehr als Zeichen Gottes, sondern erklärte die Welt durch die Naturphänomene ohne Gott.

Zu den Naturwissenschaften kam die Philosophie vor allem mit dem Philosophen Emmanuel Kant. Er lehrt die Menschheit: gebrauche deinen eigenen Verstand, befreie dich von der Vorherrschaft der Autoritäten, wage, selbst zu denken.

Um es sehr kurz zusammen zu fassen: An die Stelle der kirchlichen Autoritäten traten die Argumente. Nicht mehr gehorchen, sondern selbst denken. Ich kann es ganz einfach sagen. Bis vor hundert Jahren hätten gebildete Katholiken gesagt: Wenn der Papst erklärt, Frauen können nicht zu Priestern geweiht werden, dann wird darüber nicht mehr diskutiert. Dann ist zu schweigen und zu gehorchen. Heute werden auch überzeugte Katholiken fragen: was sind die Argumente des Papstes? Wie begründet er seine Überzeugung, dass Frauen nicht zu Priestern geweiht werden dürfen. Diese kritische Frage ist gut.

Also: Das Problem heute ist nicht nur Unkenntnis, sondern eben auch selbständiges Denken – oder Aufklärung.

Aufklärung bedeutet also: Interpretation von Welt und  Geschichte durch selbständiges Denken, durch Argumente und nicht durch Autorität. Und dies ist ein großer Bruch. Und die Kirche ist wohl noch mitten drin im Ringen mit dieser Änderung der Geisteswelt. Daher die Krise von Glaube und Kirche.

Es kommt Folgendes dazu: Durch viele Jahrhunderte waren staatliche Gewalt und religiöse Autorität nahe bei einander oder sogar in einer Hand. Glaube und Kirche bestimmten das gesellschaftliche und staatliche Leben. Unter Säkularisierung versteht die Fachwelt heute den institutionellen und mentalen Prozess der Trennung zwischen Religion und Staat, zwischen religiösem Glauben und Gesellschaft. Der bekannte Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde versteht unter Säkularisierung als „Ablösung der politischen Ordnung von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“. Das ist die rechtliche Definition. Philosophisch würde ich sagen: Säkularisierung bedeutet das rein von der Vernunft geprägte Denken unter Ausschluss von jeder Form des Glaubens. Mit Säkularisierung ist gemeint eine Erklärung der Welt und ihrer Phänomene und Geschichte ohne Rückgriff auf Gott und einen Schöpfer.

Man brauchte keine Sonntagsmesse mehr, um den Segen Gottes auf die Ernte herabzurufen, keine Maiandacht, keinen Wettersegen mehr. Dazu lehrte die Geschichtswissenschaft immer mehr, die vieles was in der Bibel steht, nicht wörtlich verstanden werden darf. Und es kam die politische Entmachtung der Kirchen. Sie konnten das gesellschaftliche Leben nicht mehr bestimmen. Mehr und mehr Menschen waren gebildet, hatten studiert, lehnten Lehren der Kirchen ab. Die Kirche verlor ihre Macht über das Denken der Menschen.

Das alles betraf vor allem die Mitte und den Norden Europas. Im katholisch gebliebenen Süden, Italien, Spanien, Portugal blieb der Glaube immer noch ein wesentlich stärker prägendes Element. Und er ist es bis heute. Das liegt auch daran, dass die bürgerliche Gesellschaft im Süden teilweise wesentlich schwächer organisiert ist.

 

Aber Glaube braucht heute auch persönliches Denken und persönliches Fragen. Als Kinder hat man uns Älteren wohl eher beigebracht: Du musst glauben, darfst nicht fragen. Das ist heute für erwachsene Menschen falsch. Manche Glaubensantwort finden wir nur, wenn wir selbst denken und wenn wir Fragen stellen. Die Glaubensantwort erhalten wir nur, wenn wir Fragen gestellt haben. Die Autorität der Kirche spielt heute wohl eine geringere Rolle als früher.

Also wer heute persönlich Christ sein will, muss sich selbst engagiert über den christlichen Glauben informieren.

Und leider möchte ich sagen: die katholische Kirche hat es zu wenig geschafft, sich für die breite Bevölkerung der Aufklärung zu stellen, den Christen zu erklären, dass etwa der Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu lesen ist. Denn viele Argumente der aufgeklärten Vernunft sind mit durchaus Glaubensinhalten vereinbar. Blitze und Donner waren immer schon Naturgewalten. Nur der Mensch hatte sie als Zeichen Gottes interpretiert. Und die Kirche hatte sie zu lange ausschließlich als Zeichen Gottes ausgegeben. Kindersegen war immer schon von der Natur bestimmt. Die Kirche hätte immer schon sagen müssen: Wir interpretieren die natürliche Geburt eines Kindes als Geschenk Gottes. Man kann sich fragen: Warum hat das Lehramt der Kirche nicht früher richtig auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaft reagiert? Sie hat nicht früh genug erkannt, zu unterscheiden zwischen Fakten und Interpretation, zwischen der natürlichen  Geburt eines Kindes und der Interpretation als Geschenk Gottes. Der Arzt als Mediziner sieht die glückliche Geburt als natürliches Ereignis, der Arzt als Glaubender interpretiert die Geburt als Geschenk Gottes.

Man kann aber auch nicht sagen, dass die gesamte Kirchenleitung meist falsch reagiert habe. Und die Christen in den verschiedenen Ländern Europas und Nordamerikas auch sehr unterschiedlich von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen betroffen. Rom, der Vatikan hat es nicht nur mit aufgeklärten Deutschen, Franzosen, Engländern und Skandinaviern zu tun, sondern eben auch mit Teilen der Bevölkerung der lateinischen Welt. Die kritischen Anfragen an das Lehramt der Kirche kamen nicht aus allen Weltteilen in gleicher Weise. Noch heute gibt es in dem modernen Nordamerika Christen, die daran festhalten, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde, dass alles so zu glauben ist, wie es in der Genesis steht. Also das Lehramt der Kirche hat sicher Fehler gemacht. Aber wer über den deutschen Tellerrand hinausschaut, kann auch verstehen, warum der Vatikan nicht immer auf der Höhe der Zeit war oder zu sein schien.

Also: Der Niedergang des Glaubens und die Krise der Kirche sind sicher auch durch die Säkularisierung gekommen.

Besonders deutlich kann man das in Deutschland sehen. Denn hier gibt es – wie sonst nirgends auf der Welt – zwei etwa gleich große Kirchen, die katholische und die evangelische. Die evangelische hängt nicht von einem Vatikan ab, hat sich der Moderne viel mehr gestellt als die katholische. Aber besser geht es ihr deshalb überhaupt nicht. Im Gegenteil. Sie überzeugt die modernen Menschen offenbar noch weniger und ist leider auch politischer Macht noch mehr ausgesetzt und unterlegen. Sie hat mehr Kirchenaustritte und mehr Evangelische sind Adolf Hitler gefolgt als Katholiken. Evangelische Theologen haben sicher früher begonnen, Geschichte und Natur wissenschaftlich und ohne Glauben zu erklären. Dennoch ist der Glaube in der evangelischen Kirche wohl schneller verflogen als in der katholischen Kirche. Das Verdunsten von Glauben hängt also vermutlich noch mehr mit materiellem Wohlstand und  eben Säkularisierung zusammen. Der Mensch hat den Eindruck, auch ohne Gott gut leben zu können.

Und nun zurück zu meiner Ausgangsforderung: Moderne Europäer müssen Jesus Christus selbst und die Lehre des Christentums besser kennen, um so auf die kritischen Fragen der Aufklärung besser antworten zu können.

Vor allem aber – das ist mein besonderer Punkt – müssen Christen die Bedeutung von Religion und von Christentum für die bürgerliche Gesellschaft und die Kultur verstehen, kennen und dürfen nicht dem Irrtum verfallen, beide hätten praktisch nichts mit einander zu tun. Im Gegenteil: bei aller Trennung haben sie sehr viel mit einander zu tun.

 

Die dritte Ursache für den Niedergang von Glaube und Kirche sind m. E. eben auch die Sünden und Fehler von Verantwortlichen der Kirche, also von Päpsten, Bischöfen, Priestern – von Fehlern und Sünden der Verantwortlichen im Vatikan.

Man erwartet natürlich von Kirchenverantwortlichen noch viel mehr als von den anderen Christen, dass sie sich an das halten, was sie verkündigen, was sie predigen. An erster Stelle muss ich den sexuellen Missbrauch nennen. Er ist natürlich ein ganz schlimmes Verbrechen. Papst Franziskus hat sich den Kampf gegen sexuellen Missbrauch und auch seine Verschleierung auf die Fahnen geschrieben. Aber wohlgemerkt: schon Papst Benedikt hat diesen Kampf zur Chefsache gemacht. Die Kirchen ist nur überzeugend, wenn ihre Vertreter glaubwürdige Christen zu sein versuchen. Jeder Mensch hat Verständnis dafür, dass Kirchenvertreter keine Heiligen sind, aber man muss an ihnen erleben, dass sie an vorderster Front gegen die eigene Sünde kämpfen. Die Sünden der Kirchenleute verhindern die Glaubwürdigkeit der Kirche.

Es gibt aber neben dem sexuellen Missbrauch auch noch Karrierismus, Eitelkeit, Eifersucht, geistige Unbeweglichkeit, Schlamperei etc.

Die Sünden der Kirchenleute gewinnen durch die Aufklärung noch ein besonderes Gewicht. Solange die Kirchenverantwortlichen noch als reine Vertreter Gottes angesehen wurden, hatten sie bei den meisten Gläubigen eben göttliche Autorität.

Die ganze Kirche wird heute auf die Probe gestellt. Wir kommen vielleicht zurück in die Zeit der Kirchenverfolgung. Seit Kaiser Konstantin war die Kirche die moralische und rechtliche Autorität, der sich jeder beugte. Heute ist die Volkskirche vorbei und wir kommen in die Zeit der Entscheidungskirche. Und da wiegen natürlich die Sünden und Fehler der Kirche doppelt.

Dazu kommen die Möglichkeiten der Medien und ihr Einfluss. Noch vor 100 Jahren wussten vermutlich nur wenige Gebildete etwas von den menschlichen Schwächen im Vatikan. Heute kann sie jeder in Sekundenschnelle lesen. Und gleichzeitig bringen die Medien vor allem die Negativa – nach dem alten Motto „schlechte Nachricht ist gute Nachricht“. Also für einen Skandal interessieren sich alle, für einen Ehebruch, einen Diebstahl, einen Mord. Aber für das gute Werk die Pflichterfüllung interessiert sich niemand. Es sei denn es wäre spektakulär.

Zurück zu meiner Ausgangsthese: Wir müssen Christus neu entdecken. Es geht eben nach meiner Ansicht bei unseren Überlegungen nicht um den Blick zurück in die scheinbar gute alte Zeit. Wichtiger scheint mir der Blick nach vorne oder die Frage: Wie können wir Christus neu entdecken und den Glauben an ihn und so das christliche Leben wieder verlebendigen. Der Blick in die Gründe sollte uns aber die Augen öffnen für das, was schief gelaufen ist und die Ursachen für den Niedergang von Glaube und Kirche.

Darf ich Ihnen daher nun das vortragen, was mir in den letzten Jahren in Sachen Glauben besonders aufgegangen ist. Mit wenigen Worten: Es ist die ungeheuer große Wirkung Jesu Christi für die kulturelle Entwicklung Europas. Ich bin in den letzten Jahren persönlich darauf gestoßen, dass das Denken der Europäer sehr stark von Jesus Christus geprägt wurde. Es unterscheidet sich ganz wesentlich vom Denken der Asiaten, die von anderen Hochreligionen geprägt sind. Religionen prägen Kultur. Nur merkt man es nicht, wenn man selbst in dieser Kultur lebt. Man merkt vielmehr genau, wenn man abweicht von den Normen und Werten dieser Kultur. Uns ärgern heute unsere Religionskriege, unsere Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, die Unterdrückung von Frauen, die soziale Ungerechtigkeit. Gerade weil das Denken der Europäer von Jesus Christus geprägt ist, sind diese Verstöße gegen das Christentum für uns so anstößig, werden sie den Christen so sehr vorgeworfen: Ihr haltet ja nicht an eure Normen. Gerade weil die Forderungen der Bergpredigt so tief in das Unterbewusstsein der Europäer eingedrungen sind, sind die Abweichungen so anstößig. Sie wären es nicht, wenn wir nicht Jesu Denken so tief in uns eingesogen hätten.  Die Kirchenkritiker gehen von den Normen Jesu aus, wenn sie die Fehler der Kirche kritisieren. Die Kirchenkritiker kennen die Normen, die Vorstellungen Jesu Christi und nehmen sie auf ihre Weise ernst. Die Kirchenkritiker anerkennen sie.  

Christus hat die christlichen Normen ja nicht erfunden, sondern sie liegen teilweise in der von Gott geschaffenen Natur des Menschen. Gott hat die Normen, die Jesus verkündet hat, schon in die Natur des Menschen hineingelegt. Daher verstehen Kritiker des Christentums sie als normal und human. Aber bewusst und kulturprägend wurden sie eben durch Jesus Christus. Das merkt man daran, dass die ethischen Uhren eben in anderen Kulturen eben anders gehen. Am deutlichsten merkt man das in Indien am Kastenwesen. Der Hindu glaubt an die Reinkarnation, an die Wiedergeburt. Und wenn jemand als bettelarm geboren wird, ist das Folge seiner Schuld im früheren Leben. Armut wird nicht als Ungerechtigkeit, sondern als gerechte Strafe angesehen. Bei vielen Völkern war es bis in die Neuzeit üblich, Kinder kurz nach der Geburt zu töten, wenn sie nicht für das Überleben der Familie nötig war. Man zog nur so viele Kinder groß, wie man glaube, ernähren zu können. Das geschah freilich auch in  Europa, aber wurde schon seit sehr langer Zeit als Sünde angesehen. Es galt hier: Du sollst nicht töten. In anderen Kulturen galt der Nutzwert des Kindes. Also das Abweichen von christlichen Geboten und Werten bedeutet nicht, dass sie nicht galten. Die Übertretung der Norm wurde als Sünde aufgefasst. Anderswo gab es diese Norm nicht.

Die Werte und Normen Europas gehen zu einem großen Teil auf Jesus Christus, auf den Glauben an ihn zurück.

Und diese Normen gehen in großen Teilen schon die Juden zurück, genauer auf den Gesetzgeber Moses und die zehn Gebote, die er vom Jahwe erhielt. Und um es plakativ zu sagen. Der Dekalog, die sogenannten „Zehn Gebote“ sind m. E. ein Kulturgut der Menschheit, das vom Volk der Juden stammt. Sie sind auch heute kein Privatglauben von zurückgebliebenen unmodernen, illiberalen Menschen. Die Formulierung „Zehn Gebote“ halte ich für unglücklich. Ich spreche lieber von Prinzipien des Respekts. Du sollst nicht töten ist das Prinzip des Respekts vor dem Leben. Du sollst nicht stehlen heißt Respekt vor dem Eigentum, du sollst nicht lügen heißt Respekt vor der Wahrheit, Du sollst die Eltern ehren heißt Respekt vor den Eltern, Du sollst die Ehe nicht brechen heißt Respekt vor dem Ja-Wort des Partners und dem eigenen Jawort.

Es hilft, die Bedeutung des Glaubens an Jesus Christus hoch zu schätzen, wenn wir an die Wirkungen denken, die von dem Glauben an ihn im Lauf der Geschichte ausgingen, vor allem in dramatischen Zeiten. Der Glaube an Jesus Christus hat nicht nur einzelnen Persönlichkeiten wie den Märtyrern der Hitlerzeit übermenschliche Kraft gegeben, sondern er wurde zu einer geschichtsprägende und kulturprägenden Kraft.

Und daher meine kurze Formulierung: Wenn Jesus Christus weiterhin zu einem Unbekannten wird, verliert Europa seine Identität. Als einzelne Zeichen der kulturprägenden Kraft des Christentums möchte ich nur ein paar Künstler nennen: An erster Stelle den Komponisten Johann Sebastian Bach, aber auch Mozarts und Beethovens Kompositionen sind vom Evangelium geprägt. In der Kunst muss man mindestens Michelangelo und Raffael nennen, in der Literatur wenigstens Dante, in der Architektur den Kölner Dom und viele Dome und Klöster. Die Beispiele zeigen, wie sehr Religion, Glaube das Kulturschaffen prägen.

Und nun gegen Ende muss ich noch auf die theoretischen Fragen des Verhältnisses von Staat und Religion oder von Gesellschaft und Kirche zu sprechen kommen. Ich hatte ja vorher schon gesagt, dass wir in Deutschland vielleicht besonders genau sein wollen in der Trennung von Kirche und Staat. Das liegt wohl daran, dass wir Germanen diesbezüglich besonders scharfe Denker sind. Wir haben ja auch nach den Griechen besonders große einflussreiche Philosophen hervorgebracht, wenn ich an Kant, Hegel und Marx denke. Die Angelsachsen und Skandinavier sind da pragmatischer, bei ihnen kann Staatsbürgerschaft zusammenfallen mit Kirchenmitgliedschaft.

Wir haben in Deutschland zwar ein besonders entwickeltes System des Verhältnisses von Staat und Kirche. Es zeigt sich in der Kirchensteuer, im Religionsunterricht in staatlichen Schulen und anderem. Aber wir heute sehr darauf bedacht, dass der Staat alle Religionsgemeinschaften gleich behandelt. Der Staat darf die große Mehrheit der getauften Christen rechtlich nicht bevorzugen. Wir übersehen dabei aber oft, dass dennoch nicht alle Religionsgemeinschaften für die Gesellschaft die gleiche Bedeutung haben. Die Christen haben zwar rechtlich den gleichen Status wie die Nichtchristen. Aber das Christentum hat für die Gesellschaft ungleich größere Bedeutung als andere Religionen. Das ist kein Frage des Rechtes, sondern der Kultur und Geschichte. Und daher tun Bürger gut daran, wenn sie die gesellschaftliche Bedeutung des christlichen Glaubens in das gesellschaftliche Leben einbringen.

Ein interessantes Beispiel dafür ist, dass Präsident Macron vor wenigen Wochen erklärt hat, für Frankreich habe die katholischen Kirche heute große Bedeutung, man dürfe sie nicht vergessen. Die katholische Kirche habe besondere Bedeutung für den Staat. Und für Frankreich ist diese Aussage besonders interessant, denn das Land legt immer besonders großen Wert darauf, dass Kirche und Staat getrennt sind. Parallel dazu hat der französische Schriftsteller Houllebecq dem Spiegel erklärt: „Die Religion hat eine Schlüsselfunktion in der Gesellschaft und für deren Zusammenhalt. Sie ist ein Motor der Gemeinschaftsbildung“. Und die Schlussfolgerung aus dieser Feststellung: „Es ist meine tiefe persönliche Überzeugung, dass eine Religion, ein wahrer Glaube, sehr viel mächtiger ist in der Wirkung auf die Köpfe als eine Ideologie…. Eine Religion ist sehr viel schwieriger zu zertrümmern als ein politisches  System.“

Religion ist also keine Privatsache, auch wenn niemand zu einer Religion gezwungen werden darf.

Ich möchte aber weiterhin einige Autoritäten zitieren, die das zeigen, was ich vermitteln möchte.

Zunächst einmal den berühmten Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde: Von ihm stammt eine Definition, die von allen Fachleuten anerkannt ist: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

Ich versuche, es mit meinen Worten wiederzugeben: Das Leben in einem liberalen Rechtsstaat, der sich nicht mehr auf die Autorität Gottes beruft, braucht geistige Voraussetzungen, damit er den Menschen die von ihnen gewünschte Freiheit lassen kann. Er braucht –wie Böckenförde sagt - moralische Substanz der Bürger. Wenn es diese nicht gibt, führt die Freiheit zum Chaos, zum Bürgerkrieg. Zudem braucht der Staat eine gewisse Homogenität der Gesellschaft. Wenn für die Einzelnen in der Gesellschaft völlig gegensätzliche Normen gelten, dann kann der Staat den Bürgern die Freiheit nicht lassen. Er lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht geben kann.

Der Staat ist nicht für Moral da, er setzt sie voraus und braucht sie.

Ich sage es auch gerne so: Die Verfassung, das Grundgesetz ist ein Rahmen, ein Zaun. Der Bürger darf nicht außerhalb des Zaunes gehen. Aber die Verfassung ist keine Motivator, die Verfassung motiviert nicht, sich ethisch zu verhalten. Sie schränkt nur ein, erklärt, was die Gesellschaft nicht dulden will und dulden kann.

Ein Beispiel ist für mich die Vielehe, die Vielweiberei. Das deutsche Grundgesetz verbietet es, dass ein Mann mehrere Frauen in der Ehe hat oder dass eine Frau mehrere Männer vor dem Staat heiratet. Der Staat kann Ehebruch nicht bestrafen. Er ist nicht für die Moral zuständig. Aber er ist für die öffentliche Ordnung verantwortlich.

Und warum ist Vielweiberei gegen das Gesetz: Weil es gegen die Menschenwürde, genauer gegen die Frauenwürde ist, dass ein Mann mehrere Frauen hat.

Die Norm der Menschenwürde wird vom Staat vorausgesetzt. Die Annahme der Menschenwürde ist keine Entscheidung der staatlichen Gewalt, sie ist Voraussetzung.

Also nochmals Böckenförde: „Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert.“

Mit anderen Worten: Der Staat ist kein Gegner von Religion, er braucht sogar etwas wie Religion, also ein Rahmen von Normen, an die sich die Gesellschaft bindet.

Es ist wichtig, diese Regeln zu kennen, um in konkreten Fragen wie der Frage,  ob in Schulen und Gerichten Kreuze hängen dürfen, kompetent mitreden zu können. Daher hier eine Einfügung zum Kreuzerlass in Bayern: Es könnte sein, dass das Bundesverfassungsgericht die Kreuze in staatlichen Gebäuden verbietet. Es gibt schon einen diesbezüglichen Beschluss. Aber für Bayern wurde genehmigt, dass dort Kreuze nur abgenommen werden müssen, wenn Eltern von Schulkindern dieser Klasse das verlangen.

Ich möchte sagen: Das Kreuz ist primär ein religiöses Symbol, aber aus ihm wurde auch ein Symbol der Kultur. Es ist beides. 

Und nun der berühmte Vergleich des ersten deutschen Bundespräsident, des Heilbronner Professors Theodor  Heuss: ER hat in einer berühmten Rede schon 1950 den Ursprung Europas auf drei Hügeln erkannt: Der Areopaghügel in Athen, der Kapitolhügel in Rom und der Golgothahügel in Jerusalem. Athen steht für die griechische Philosophie, die Europa wesentlich geprägt hat, Rom steht für das Rechtsdenken und Jerusalem für die Nächstenliebe, die Solidarität. Europa unterscheidet sich nicht durch Zufall von den Kulturen Asiens, sondern hat eben ganz spezifisch denkerischen Quellen.

Nochmals zurück zur Aufklärung. Eine wesentliche Quelle des europäischen Denkens ist natürlich auch die Aufklärung: die kritische Hinterfragung allen religiösen Glaubens, gerade auch des Glaubens der Christen.

Aber Aufklärung ist eigentlich keine Weltanschauung, sondern nur eine Methode. Aufklärung schafft keine Normen, höchstens die Norm, den eigenen Verstand zu gebrauchen, selbst zu prüfen, ob das, was eine Autorität befiehlt, vernünftig ist. Aufklärung stellt staatliche und religiöse Autorität in Frage. Wenn Aufklärung aber zu der Lehre wird, dass man nur annehmen darf, was man einsieht, beschränkt man menschliches Leben. Es gibt neben der Vernunft auch die Entscheidung aufgrund einer anderen ganz menschlichen Einsicht, man nicht rein rational nennen kann. Schon das Ja zu einem anderen Menschen in der Verlobung ist nicht rein rational zu begründen. Es ist ein Ja zu einem Menschen ohne rationale Begründung. Es gibt Gründe dafür, aber es sind nicht zwingende Gründe. So gibt es auch im Religiösen die Möglichkeit des Glaubens, die rein rational nicht erklärt werden kann. Aber damit ist diese Entscheidung noch keineswegs unmenschlich. Es gibt eben neben der Vernunft noch andere Kräfte im Menschen, um ein humanes Leben zu führen.

Und zurück: Die Religion der Christen ist keine Privatsache. Aber es ist diabolischer Irrtum, sie für eine Privatsache zu halten. Dieser Irrtum ist wesentlich begründet in den Fehlern der Kirche, die Jahrhunderte lang selbst Politik gemacht hat und die Menschen zur Religion gezwungen hat.

Umgekehrt kann eine Entscheidung ohne rein rationale Begründung höchst hilfreich und human sein. So wurden sehr weise Personen der Weltgeschichte durch selbständiges Denken zu religiösem Glauben an Gott. Weise Europäer kamen durch selbständiges Denken zum Glauben an Jesus Christus. Ich nenne nur einmal eine Edith Stein, die vom Judentum zum katholischen Glauben kam und für ihren Glauben starb. Also die Vernunft, die ratio kann auch zum Glauben führen. Sie widerspricht ihm nicht.

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Ich komme zum Schluss. Kann Papst Franziskus dazu beitragen, Jesus Christus richtig kennen zu lernen? Ja!

Erstens sein Lebens- und Regierungsstil. Seine Namenswahl deutet hin auf den bescheidenen, armen, überzeugenden Franz von Assisi. Sein Wohnen im Gästehaus zeigt, dass er dem Mann von Nazareth nahe sein will, von ihm Zeugnis geben will. Ebenso das Auto, das er benutzt, die Ausflüge in die Stadt Rom, um Dinge einzukaufen.

Vor Jahrhunderten wollen die Christen, dass Päpste wie Könige oder Fürsten auftreten. Heutige Christen wollen das nicht mehr. Papst Franziskus entspricht diesem Wunsch. Er gibt Zeugnis von Christus.

Aber vor allem zeigt Franziskus, dass Jesus kein Moralist ist, also kein Morallehrer, sondern etwas subtil Anderes: Wie vorhin schon gesagt: Jesus ruft zur Umkehr und zum Glauben an das Reich Gottes. Er ruft alle auf, ihr Denken und Leben kritisch in Frage zu stellen. Nicht nur die Sünder müssen umkehren, ebenso die Menschen, die sich für gerecht halten. Und alle sind gerufen, daran zu glauben, dass Gott am Kommen ist, dass der Mensch ihm nur die Tür seines Herzens öffnen muss. Es geht nicht darum, brav zu sein, es reicht auch nicht, sich an die zehn Gebote zu halten. Jesus fordert viel mehr, bis dazu hin, die Feinde zu lieben. Jesus überfordert und ist barmherzig mit dem Menschen, der einsieht, dass er überfordert ist und erkennt, dass er Sünder ist. Man ist Sünder nicht nur  durch böse Taten, sondern durch Einstellungen. Und in den Einstellungen sind alle ungenügend. Das merken gerade die Menschen, die wir Heilige nennen. Franziskus korrigiert das Bild, das die Kirche vermittelt hat. Daher kann er zu dem richtigen Jesus Christus zurückführen. Wir dürfen aber nicht glauben, dass nun Papst Benedikt oder Papst Johannes Paul II. völlig falsch lagen. Sie haben andere Akzente gesetzt. Franziskus setzt einen Akzent, der heute fällig ist.

Und ganz zum Schluss: Oft wird von Kirchenkrise gesprochen. Viele Christen erhoffen sich ein Ende der Kirchenkrise. Sie komme vor allem dann, wenn die Fehler und Sünden im Vatikan überwunden werden und wenn die Kirche sich endlich den Überzeugungen der modernen Zeiten anpasst, vor allem also ökumenische Offenheit und Fortschritte, Rechte der Frauen in der Kirche, Glaubwürdigkeit der Kirchenvertreter, richtiger Umgang mit Sündern.

Sicher muss die Kirche noch ernsthaft darüber nachdenken und dann auch entscheiden, welche Aufgaben Frauen in der Kirche übernehmen können und sollen, wie weit ökumenische Offenheit gehen kann, wie die Kirche mit Sündern umgehen muss.

Aber der Grunddefizit ist nicht Kirchenkrise, sondern in Mitteleuropa Glaubenskrise. Das zeigt sich besonders daran, dass es der evangelischen Kirche nicht besser geht als der katholischen, obwohl sie moderner, liberaler, feministischer ist. Im Gegenteil es geht ihr schlechter. Mehr Kirchenaustritte, noch weniger Überzeugungskraft.

Und noch wichtiger: vielleicht muss Christentum in dieser unserer Welt immer in Krise sein. Wenn es keine Krise gäbe, wäre etwas oder alles an der Kirche falsch. Kirche ist nicht von der Welt, darf sich den Maßstäben dieser Welt nicht anpassen, muss ein Widerspruch gegen die Maßstäbe dieser Welt sein und bleiben. Jesus sagte: Ich bitte nicht, dass du sie – gemeint sind seine Jünger -  von der Welt nehmest, sondern dass du sie bewahrst vor dem Übel. Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit“. (Johannes 17, 15ff.)

 

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