Gedanken zum 4. Adventssonntag

Eberhard von Gemmingen SJ

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten. Noch haben wir Zeit, uns gut geistlich darauf vorzubereiten. Eines der entscheidenden Worte über Weihnachten lautet: Gott will in uns geboren werden. Also nicht nur Gott wurde in Bethlehem geboren, sondern er will vor allem auch in uns geboren werden. Das ist der eigentliche Sinn der Geburt Jesu in Bethlehem. Dieser Gedanke ist anspruchsvoll und wir müssen ihn gut wägen. Gott will in uns geboren werden. 

Dieses Wort wurde im Lauf der Geschichte von vielen Mystikern ausgesprochen. Vor allem ist es der mittelalterliche Meister Eckart. Er wurde 1260 in Thüringen geboren und starb 1328 im französischen Avignon und war Dominikaner. Er schrieb: „Wenn die Geburt Gottes nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles“. Meister Eckhart lebte in einer Zeit, in dem man begann, bestehende Traditionen zu hinterfragen. So ist es ja auch in unserer Zeit. Die Menschen haben materiell genug, aber es taucht die Frage nach mehr Tiefe auf. Es geht um die Substanz, das Eigentliche. Es geht auch um die Neugeburt des Glaubens im Herzen von uns allen. Meister Eckhart schreibt auch: „Gedächtnis, Verstand und Wille musst du lassen und alles, worin du dich suchst. Dann wirst du diese Geburt finden, sonst aber wahrlich nicht“. Der Mönch und spätere Reformator Martin Luther sagte in einer Weihnachtspredigt: „Glaube, dass Christus in Bethlehem geboren ist, aber sieh zu, dass du aus der Geschichte dir eine Gabe machst, dass Christus dir geboren sei.“ In unseren Tagen hat der Abt des Klosters Dormitio in Jerusalem, Gregory Collins dazu geschrieben: „Der Glaube, über den Luther spricht, ist mehr als nur die Zustimmung zu einer Lehrmeinung… Der Glaube ist der Punkt, an dem du allein bist mit Gott und um dich herum ist nichts als Gott – wie Luther sagt: Der Moment, an dem Du Gott Gott sein lässt.“

Man kann es bei Luther auch noch bildlicher hören: „Dieses Kind in der Krippe will einer leeren und gelassenen Seele das geben, was es entbehrt. Es will, dass wir es in uns tragen.“

Wir müssen uns an einige Stellen in der heiligen Schrift erinnern, in der dieser Gedanke der Gottesgeburt in uns gleichsam aufleuchtet. Im Johannes-Evangelium spricht Jesus:  „Bleibt in mir und ich bleibe in euch“. Wir stellen uns Jesus gewöhnlich als ein Gegenüber vor, als einen Freund, zu dem wir sprechen. So richtig das ist. Jesus will mehr in uns sein. Er will unser Innerstes sein. Paulus hat das erfahren, wenn er schreiben kann: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“. Weil Christus in ihm lebte, konnte er reiche Frucht bringen. Er konnte es nicht aus sich. Darauf hatte schon Jesus hingewiesen, als er sagte: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“

Und da wir nun den Geburtstag Jesu feiern, tritt der Gedanke ins Zentrum: Jesus will in uns geboren werden. Dazu müssen wir still sein, müssen wir leise sein, schweigen. In uns hineinhorchen, warten. Wir können mit dem Rhythmus unseres Atems das Jesusgebet leise flüstern: „Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich unser“. Ein bekannter Mann, Pater Anselm Grün bekennt von sich: „Mein persönlicher Weg ist das Jesusgebet, das Herzensgebet. Ich sag beim Einatmen „Herr Jesus Christus“, beim Ausatmen „Sohn Gottes, erbarme dich meiner“. Aber ich denke nicht nach über die Worte, sondern ich lasse mich von den Worten in die Tiefe führen. Aber die Worte geben eben eine Qualität an, die Qualität Jesu. Die frühen Mönche sagen: Das Wort schließt die Türe auf zum wortlosen Geheimnis Gottes. Das Wort ist der Schlüssel, aber das Ziel ist der Raum jenseits der Worte, das reine Schweigen.

Vielleicht müssen wir noch viel darüber nachdenken. Ja – es ist auch eine Provokation, zu glauben, dass Gott in uns geboren werden will und soll. Vielleicht hilft es sogar, an die Menschen zu denken, die vor wenigen Jahren New-age predigten. Sie träumten von einem neuen Menschen, von einer neuen überchristlichen Mystik, von einem völlig neuen Denken.

Ich meine, dass wir eine christliche Tradition haben, die weiter ist und schöner. Vielleicht hilft uns auch der Gedanke an die Menschen, die ihr Leben für Christus gaben. Sie waren vielleicht keine Mystiker, aber sie lebten so in Gott, dass sie von innen her fähig waren, das zu tun, was sie rein menschlich nicht tun konnten. Sie nahmen lieber das Leiden hin, als Gott zu verlassen, denn Gott hatte so Wohnung in ihnen genommen. Er war in ihnen geboren worden. Denken wir an einige der Märtyrer der letzten 100 Jahre. Ich denke etwa an die Trappisten in Algerien, die lieber vor rund 20 Jahren in ihrem Kloster blieben, obwohl sie wussten, dass sie von fanatischen Muslimen umgebracht wurden. Ich denke an die Märtyrer von Lübeck, die vor 80 Jahren gegen das Hitlerregime predigten, obwohl sie wussten, dass sie dann umgebracht wurden. Oder ich denke an den einfachen österreichischen Baunern Jägerstätter, der den Eid auf Hitler verweigerte und wusste, dass er deshalb sterben musste. Ich denke Pfarrer Neururer, der im KZ einem Mitgefangenen von Jesus sprach und zur Strafe an den Beinen aufgehängt wurde bis er tot war. Jesus war in ihnen geboren worden. Und so fanden sie das Leben. Wir sind eingeladen, Weihnachten zu feiern, damit Jesus in uns geboren und wir neue Menschen werden. Daher feiern wir Weihnachten. Amen

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