Eberhard von Gemmingen SJ

Gedanken zur aktuellen Glaubenskrise

Glaubhaft katholisch: Pater von Gemmingen, wir haben in diesen Wochen erfahren, dass auch weiterhin Katholiken und Protestanten zuhauf ihre Kirche verlassen. Im Jahr 2017 sollen nur noch 54,35% der deutschen Bevölkerung Mitglied der beiden Kirchen sein. Der Anteil der Kirchgänger soll im Jahr 2018 nur noch 2,8% betragen. Im Jahr 1950 waren es noch 28,3%, also ein Rückgang von fast 90%. Was sind die Gründe für diese „Kirchenflucht“?

Eberhard von Gemmingen: Es geht den Menschen wirtschaftlich so gut, dass sie meinen, „Gott nicht mehr zu brauchen“. Not lehrte immer wieder beten. Not fehlt heute in Europa weitgehend. Die kritischen Anfragen aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaften über Entstehung der Welt und des Menschen verlangen von den Kirchen eine glaubwürdige Antwort. Den Kirchen ist es meines Erachtens bisher nicht gelungen, diese Antwort zu vermitteln. Sie hat zwar unter Profis die richtigen Antworten, aber die meisten Christen kennen sie nicht. Das ist meines Erachtens vor allem die Schuld der Kirchen selbst.

GK: Was also haben die Kirchen falsch gemacht?

Eberhard von Gemmingen: Die Aufklärung und Säkularisierung wurden von den Kirchen nicht gut aufgearbeitet. Aufklärung sagt: Traue nur den Argumenten und nicht der Autoritäten. Also: Denke selbst! Kindern wurde wohl bis vor wenigen Jahren gelehrt: Du darfst nicht fragen, sondern du musst glauben. Diese Weisung ist heute falsch. Einfach falsch. Denn nur wer frägt, bekommt die Antworten des Glaubens. Fragen zeigt, dass der Mensch denkt. Die meisten Menschen heute denken nicht selbständig, sie haben dafür keine Zeit und Ruhe. Sie sagen nach, was ihnen die Medien, die öffentliche Meinung „diktiert“. Die Menschen meinen, selbständig zu denken und irren aber.

GK: Ist es also nur die Schuld der Kirchen?

Eberhard von Gemmingen: Es zeigt sich, dass der Glaube der meisten Getauften bis vor rund 150 Jahren jeweils nur von den Eltern übernommen war. Man lernte, an die Dreifaltigkeit glauben wie man lernte, Heu zu machen, zu schreinern, zu kochen. Die meisten Menschen waren gezwungen, mitzumachen. Es gab keine Alternativen – außer für 0,1 % der gebildeten Bevölkerung. Modernisierung und Liberalisierung wie es die Evangelischen machen, nützt nichts. Sie sind auch zu sehr politisch angepasst.

GK: Als Sie noch Chef des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan waren, wagten Sie es vorzuschlagen, dass die deutsche Kirchensteuer in der Art der Italiener zu erheben sei, also jeder Bürger muss einen in Promille bemessenen Anteil seines Einkommens als Steuer dem Staat geben, ohne Rücksicht auf seine Religionszugehörigkeit. Er kann auf seinem Steuerformular angeben, wem das Geld zufließen soll, den Katholiken, dem Roten Kreuz oder einer anderen, dazu berechtigten Einrichtung. Sie hatten damals sehr viel Kritik aus deutschen Kirchkreisen erhalten. Wie denken Sie heute darüber? Könnten dadurch in Deutschland die Kirchenaustritte gebremst werden.

Eberhard von Gemmingen: Ich wünsche mir, dass über diese Frage noch einmal sehr gründlich nachgedacht und diskutiert wird. Denn die Kirchensteuer ist für mich problematisch. Die Tatsache, dass die Kirchen über sehr viele finanziellen Mittel verfügen und dadurch einen sehr großen personellen und materiellen Apparat unterhalten können, täuscht darüber hinweg, wie wenige Getaufte ihr Christsein ernst nehmen und wie gering der Einfluss des Glaubens auf die Gesellschaft ist. Auch Papst Benedikt ist dieser Ansicht. Man kann sich fragen: Geht es der katholischen Kirche in Frankreich schlechter als der katholischen Kirche in Deutschland? Nein – es geht ihr vielleicht sogar besser, obwohl es keinen Religionsunterricht in der Schule gibt. Kinder, die Religionsunterricht erhalten, gehen freiwillig dorthin. Der Staat hat durch die Kirchensteuer große Vorteile, weil die Kirche unzählige Schulen, Kliniken und andere Sozialeinrichtungen unterhält. Aber lebt der Glaube durch die Kirchensteuer besser als ohne sie?

 GK: Was können wir Katholiken selbst für einen Neuaufbruch tun?

Eberhard von Gemmingen: Die engagierten Katholiken sollten sich auf die wesentlichen Inhalte des Glaubens konzentrieren. Sie befassen sich meist nur mit Nebenfragen: Zölibat, Frauenordination, Vatikanfehler. Sie werden dazu durch die Medien verleitet. Es gibt fast keine Medien, die den Christen wirklich helfen. Seit 50 Jahren wollten die Theologen weg von der Volkskirche hin zur Entscheidungskirche. Wir sind jetzt da angelangt. Aber es gelingt uns Priestern nicht oder viel zu wenig, die Menschen zur Entscheidung zu bringen. Die große Mehrheit läuft mit, entscheidet sich auch nicht für den Austritt.

GK: Wir wissen, dass ein großer Teil der kirchlichen Arbeit von Frauen getragen werden. Sollte sich nicht auch die Kirchenleitung in dieser Frage neu orientieren?

Eberhard von Gemmingen: Freilich stehen auch große Fragen an: Welche Rolle sollen Frauen in der Kirche spielen? Frauen sollen auf alle Fälle einen größeren Einfluss in der Kirche haben. Aber auch wenn Frauen Priester werden dürfen, ist damit keineswegs die Türe offen für den Glauben an Jesus Christus. Wir müssen um Jesus Christus ringen. Es ist ein Ringen. Glaubende sollten die Chance ergreifen, jetzt um Jesus Christus zu ringen und ihn nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen.

GK: Wie also könnte die Botschaft von Jesus Christus wieder neu verkündet werden?

Eberhard von Gemmingen: Die Kirchen müssten gut organisiert – wie eine gute Werbeagentur – alle Maßnahmen ergreifen, damit die Menschen – oder wenigstens die Getauften – Jesus Christus richtig kennen lernen. Die meisten kennen ihn nicht, kennen den Glauben nicht, meinen Jesus lehre eine Moral. Er lehrt nicht Moral, sondern Umkehr und Glauben an das heimliche Kommen des Reiches Gottes in kleinsten Zeichen und Schritten. 

Fragen: Manfred Ferrari - www.cipress.net

© Copyright Glaubhaft katholisch