Eberhard von Gemmingen SJ

Kann Papst Franziskus die Kirche noch retten?

Seit etwas mehr als vier Jahren schauen viele Katholiken und Nichtkatholiken voll Hoffnung nach Rom und fragen sich, ob es dem Papst aus Argentinien gelingen wird, die Krise der katholischen Kirche zu wenden. Tatsächlich hat er eine sehr positive atmosphärische Änderung geschaffen. Das liegt an der Art wie er auftritt, wie er verkündet, wie er lebt.

Wir sollten uns aber nicht oberflächlich täuschen. Daher zunächst die Frage nach der Diagnose: Gibt es eine Kirchenkrise, worin besteht sie? Erst nach der Diagnose möchte ich mich mit der Therapie befassen. Also die Frage: Hat Papst Franziskus eine Idee der Therapie und wie ist sie? Meine Gedanken zur Therapie werden zwei Teile haben: Wissen zuerst und anschließend Glauben. Also vier Teile: Diagnose, Therapie, Wissen und Glauben.

Zunächst aber eine Vorbemerkung: Papst Franziskus findet Glaubenskrisen gut und nötig. In seinem großen Interview mit der „Zeit“ sagte er wörtlich: „Wie kann man als Priester sowohl in seinem Glauben als auch an seinen Krisen wachsen? Ohne Krisen kann man nicht wachsen. Das gilt für alle Menschen. Das biologische Wachsen selbst ist eine Krise. Die Krise des Kindes, das zum Erwachsenen wird. Im Glauben ist es nicht anders. Als Jesus hört, wie sicher sich Petrus ist… sagt er: Dreimal wirst du mich verleugnen. Aber ich werde für dich beten. Petrus hat Jesus verleugnet, er ist in eine schwere Krise geraten. Und dann haben sie ihn zum Papst gemacht. Ich will nicht sagen, dass die Krise das tägliche Brot des Glaubens ist, doch ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“

Also Frage: Ist die Krise der katholischen Kirche eine Wachstumskrise? Von vielen wird sie nicht so positiv gesehen. Viele wünschen zur Überwindung der Krise: Priesterweihe der Frau oder wenigstens den Diakonat der Frau, Abschaffung des Pflichtzölibats, Einheit der Kirchen oder wenigstens ökumenische Offenheit und damit Zulassung von nichtkatholischen Christen zur Eucharistie, eine völlig neue moderne Sicht der Ehe, Überwindung des vatikanischen Zentralismus, Abkehr von veralteten Dogmen.

Diese Wünsche muß die Kirche ernst nehmen und ernstlich prüfen. Doch der Vergleich mit der evangelischen Kirche in Deutschland zeigt, dass damit allein kein Kirchenwachstum zu erreichen ist. Teilweise sogar das Gegenteil, denn leider hat die evangelische Kirche noch viel mehr Probleme als die katholische. Sie ist mehr in der Krise, nur wird kaum darüber gesprochen. Jedenfalls hat sie mehr Kirchenaustritte und Mangel an Pfarrern.

Daher liegt auf der Hand: Wir haben eigentlich in Mitteleuropa keine Kirchenkrise, sondern eine Glaubenskrise, eine tiefe Glaubenskrise. Sie ist nicht leicht mit den gewünschten Maßnahmen zu überwunden.

Ich diagnostiziere hinter der Glaubenskrise einfach eine Wissens- oder Bildungskrise. Meine These: viele Getaufte können über den Mann am Kreuz sehr wenig sagen: Wie heißt er, wann hat er gelebt, warum wurde er umgebracht, warum ging seine Sache nachher weiter?

Um diese einfachen Fragen ein wenig zu untermauern: Kinder, die zur ersten Kommunion angemeldet werden, wissen nichts vom Vater-unser, haben noch nie etwas vom Kreuzzeichen gehört. Und die erste Kommunion ist dann auch die letzte Kommunion bis zur Firmung.

Ich fürchte: Der Religionsunterricht bringt fast gar nichts, weil die Inhalte nicht von den Eltern gelebt und erklärt werden. Und viele Eltern von heute rund 40 Jahren wissen selbst sehr wenig.

Und weil dies so ist, wage ich die Behauptung: Da der Glaube an Jesus Christus Europa wesentlich geprägt hat, stecken wir seit Jahren in einer Kulturkrise. Wenn Europa Jesus Christus nicht mehr kennt, verliert es seine Identität. Denn das Christentum hat historisch doch wesentlich zum Wachsen des europäischen Menschenbildes, der europäischen Gesellschaftsordnung und Kultur beigetragen. Eine wesentliche Quelle unseres Grundgesetzes stammt aus dem Dekalog des Moses und der Bergpredigt Jesu mit der Aufforderung zur Solidarität, genannt Nächstenliebe und Gerechtigkeit.

Ich weiß, dass ich gewagte und weitreichende Thesen vertrete. Aber mir scheint es hilfreich zu sein, nicht bei Fragen und Lösungsvorschlägen hängen zu bleiben, die mir oberflächlich scheinen.

Und eine wichtige Unterscheidung: Glauben an Jesus Christus kann man nicht gleichsam organisieren, organisatorisch in die Hand nehmen. Glauben muss überspringen, muss von Eltern oder von Zeugen auf andere gleichsam überspringen. Aber Wissen und Bildung kann man organisieren. Grundwissen über den Mann am Kreuz und warum er in Europa an vielen Stellen zu sehen ist, das scheint mir keine Privatsache, sondern Teil unseres europäischen Grundverständnisses.

Und noch eine Vorbemerkung: Ich spreche nur von Mitteleuropa. Denn in den slawischen und romanischen Ländern gehen die Uhren des Glaubens doch ein wenig anders. Die angelsächsische Welt ist nochmals anders. Und auf gewissen Teilen des Globus ist das Christentum im Wachstum. Das Gott in der Öffentlichkeit fast keine Rolle spielt, ist auf diesem Globus eher die Ausnahme.

Noch Bemerkungen zur Diagnose: Sicher haben viele Menschen auch in Mitteleuropa das, was man spirituelle Bedürfnisse nennt. Vor allem Wohlhabende suchen nach Meditation, Sinn des Lebens, fragen nach anderen Religionen. Aber diese spirituellen Bedürfnisse führen in der Regel nicht in die katholische oder evangelische Kirche. Offenbar machen die Kirchen manches falsch, sind nicht auf der Höhe der Zeit. Aber spirituelle Bedürfnisse sind auch etwas Anderes als religiöser Glaube. Für ihren Glauben sind Menschen immer wieder gestorben. Für spirituelle Bedürfnisse stirbt man wohl nicht.

Mangel an christlicher Bildung und Wissen um den Glauben bedeutet keineswegs, dass die Menschen moralisch schlecht sind. Die Zuwendung zu den Flüchtlingen und viele andere soziale Werke zeigen Solidarität und Nächstenliebe. Aber auch diese führen die Menschen meist nicht in die Kirchen. Es geht also nicht um moralische Krise, sondern darum, dass die sogenannte Kirchenkrise eben auch eine Wissens- und Bildungskrise ist. Viele Mitteleuropäer kennen Jesus von Nazareth nur vom Hören-Sagen.

Ich vermute zudem: Die Glaubenskrise kommt heute nicht daher, dass die Menschen nicht mehr an biblische Grundvorstellungen glauben können, etwa die Erschaffung der Welt in sieben Tagen, die Erschaffung Evas aus der Seite Adams, den Anspruch des Papstes unfehlbare Dogmen verkünden zu können. Vor 50 Jahren scheiterten Menschen noch an solchen Thesen. Heute kennen wohl viele Menschen diese Themen kaum. Heute spielt einfach Glaube und Religion für viele kaum eine Rolle. Höchstens noch eine seltsame und manchmal aggressive Rolle.

Wir sind immer noch bei der Diagnose.  Ich glaube, es ist leicht festzustellen: christlicher Glaube wurde durch Jahrhunderte in beiden Kirchen einfach von Generation zu Generation weiter gegeben. Die Kinder übernahmen ihn von den Eltern wie sie auch sonstiges Verhalten von den Eltern lernten. Das ist weitgehend vorbei. Schon vor mehr als 70 Jahren im Jahr 1940 hat der Jesuit und Märtyrer Pater Alfred Delp festgestellt: „Deutschland ist Missionsland geworden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren allen Lebens sind unchristlich." Daher hat dann Karl Rahner gesagt: Wir müssen übergehen von einer Volkskirche zu einer Entscheidungskirche. Da sind wir mitten drin.

Und noch ein kurzer Blick zurück: Entscheidend für die Veränderungen sind natürlich das Ende der ländlichen Gesellschaft, die schon um 1850 begann,  der Abzug vieler Menschen aus ihrer ländlichen Umgebung, die Verstädterung. Viele Traditionen brachen ab. Was Jahrhunderte lang funktionierte, brach ab.

Und schließlich spielt das, was man Aufklärung nennt, auch eine enorme Rolle. Ich fasse es gerne so zusammen: Jahrhunderte lang galt in beiden Kirchen – auch in der evangelischen Kirche – die Autorität. Was eine kirchliche Autorität lehrte, wurde nicht in Frage gestellt. Schon der Versuch, eine Lehre kritisch in Frage zu stellen, war verboten oder wurde kritisiert. Heute gilt nicht mehr Autorität, sondern Argument. Wenn immer vor allem in der katholischen Kirche eine These oder Forderung aufgestellt wird, fragt vor allem der gebildete Katholik: Mit welchen Gründen behauptet ein Papst oder Bischof dies oder jenes? Wie ist das in der Bibel begründet? Wie passt das zusammen mit den Argumenten der evangelischen Kirche. Und diese kritische Infragestellung macht das Leben in der kirchlichen Gemeinschaft schwerer. Viele Gläubige denken selbst. Das ist gut so. Schlecht ist es nur, wenn sie von vornherein meinen, etwas besser zu wissen. An die Stelle der Autorität ist das Argument getreten.

Und schließlich an letzter Stelle bei der Frage nach der Diagnose: natürlich spielt der relative Wohlstand auch eine große Rolle. Bekanntlich lehrt die Not das Beten. Und seit 70 Jahren haben wir Frieden und ziemlichen Wohlstand. Beten und Gott scheinen nicht mehr nötig zu sein.

Ich schließe den Teil über die Diagnose mit einem Zitat aus der Zeitschrift `Christ in der Gegenwart`:  „Glaubensverlust gründet im Gottesverlust“. Und zur Therapie schreibt `Christ in der Gegenwart`: „Wie in der religiösen Urgeschichte des Homo sapiens bedarf es eines neuen Offenbarungsurknalls. Damals waren es nachdenkliche weise Einzelne, die weiter dachten als andere. Voraussetzung war ein Gehirn mit der Fähigkeit über das Naheliegende hinaus das Komplexe, Abstrakte, Transzendente zu denken. Alles Denken aber beginnt mit Selberdenken.“

Es geht also bei der Kirchen- und Glaubenskrise nicht darum, das Denken abzustellen, sondern umgekehrt: es geht darum, mehr in die Tiefe zu denken. Soweit eine kurze Diagnose.

 

Und nun zur Therapie: Wie will Franziskus die Kirchenkrise wenden?

Kann Franziskus diese Krise wenden?

Eingangsbemerkung: Ein Papst hat es mit einer Weltkirche zu tun. In ihr gehen die Uhren sehr unterschiedlich. In vielen Teilen der Welt ist das religiöse Glauben und das Sprechen von Gott im Unterschied zu Mitteleuropa eine Selbstverständlichkeit. Das gilt nicht nur für Asien und Afrika, sondern immer noch auch für Nord- und Südamerika und für Teile Europas.

Franziskus hat einige Akzente in seinem Stil, Papst zu sein und in der Verkündigung geändert. Franziskus hat wohl erkannt, dass zur Glaubwürdigkeit des Papsttums eine Stiländerung nötig ist. Symbol dafür ist seine Namenswahl. Er nennt sich nach Franz von Assisi, sagt auf der Loggia „Guten Abend“, bittet ums Gebet der Gläubigen, nennt sich selbst einen Sünder. Er wohnt im Gästehaus, seine erste Reise führt ihn auf die Flüchtlingsinseln Lampedusa, er empfängt Bettler und wäscht ihnen die Füße. Papstgeschichte ist Kulturgeschichte. Gottlob ändert sich der Stil, in dem Päpste leben, und wie sie die Kirche leiten. Seiner Überzeugung nach ist dies Stiländerung nötig, um die Botschaft Jesu Christi glaubwürdig verkünden zu können. Wohlgemerkt: Der fürstliche Stil eines Papst Pius XII. war nicht persönliche Eitelkeit des Papstes, sondern die Katholiken wünschten sich einen solchen Stil von ihrem Oberhaupt. Heute ist das anders. Die Menschen haben eine Ahnung von der Bibel und fänden einen triumphalen Stil bibelwidrig.

Wichtiger als diese Stiländerung aber ist eine Änderung in der Akzentsetzung der Theologie. Wohlgemerkt: Papst Franziskus hat die Theologie nicht geändert, auch wenn dies manchmal so scheinen mag. Aber er hat wahrgenommen: Die Kirche hat ein falsches Image von sich selbst verbreitet. Sie verbreitete den Eindruck, eine Moralanstalt zu sein. Die wurde von den Menschen wahrgenommen als eine Einrichtung, die vor allem den Finger erhob und den Menschen sagte, wie sie leben sollten. Und Papst Franziskus sagt: Das ist falsch, denn die Kirche muss zuerst die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen verkünden. Und aus dieser Botschaft folgt dann der Aufruf zur Umkehr.

In seinem Interview mit der Jesuitenzeitschrift „Civilta cattolica“ sagte er: „Die Verkündigung der heilbringenden Liebe Gottes muss der moralischen und religiösen Verpflichtung vorausgehen. Heute scheint oft die umgekehrte Ordnung vorzuherrschen… Wer predigt, muss das Herz seiner Gemeinschaft kennen, um zu sehen, wo die Frage nach Gott lebendig und heiß ist. Die evangelische Botschaft darf nicht auf einige Aspekte verkürzt werden. Auch wenn diese wichtig sind, können sie nicht allein das Zentrum der  Lehre Jesu zeigen.“

 „Ich  sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen –Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht.“ 

„Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschließen lassen, in kleine Vorschriften. Die wichtigste Sache ist aber die erste Botschaft `Jesus Christus hat dich gerettet`.  Die Diener der Kirche müssen vor allem Diener der Barmherzigkeit sein. Der Beichtvater – zum Beispiel – ist immer in Gefahr, zu streng oder zu lax zu sein. Keiner von beiden ist barmherzig, denn keiner nimmt sich wirklich des Menschen an.“

„Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin…. Gott ist größer als die Sünde. Die organisatorischen und strukturellen Reformen sind sekundär, sie kommen danach. Die erste Reform muss die der Einstellung sein. Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen… Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker.“

Auf diesem Hintergrund ist seine Antwort auf die heiße Frage zu verstehen, wie die Kirche mit den geschiedenen Wiederverheirateten umgehen soll. Die Antwort in Kurzform: Jeden einzelnen Fall genau anschauen. Nicht jeder geschiedene Wiederverheiratete ist grundsätzlich von der Kommunion ausgeschlossen. Ich erkläre mit meinen Worten: Voraussetzung ist: Eine Ehe ist gescheitert, er oder sie lebt in einer neuen bürgerlichen Ehe, er oder sie will in ihr bis zum Lebensende treu sein und hat den ständigen Wunsch, den Herrn in der Kommunion zu empfangen. Unter dieser Voraussetzung muss er oder sie sich nach der eigenen Schuld am Scheitern der Ehe fragen, muss die eigene Schuld bereuen. Wenn er oder sie verlassen wurde und sich unschuldig fühlt – auch dann muss er oder sie fragen, was er oder sie wohl anders hätte machen müssen. Zudem muss der Wiederverheiratete den Willen haben, in der neuen Ehe die versprochene Treue zu halten. Und schließlich muss er oder sie den ernsthaften Wunsch haben, den Herrn in der Kommunion zu empfangen. Er oder sie muss den Willen haben, sich verbindlich auf den Herrn einzulassen. Es kann nicht darum gehen: Wenn ich schon mal in die Kirche gehe, dann will ich auch die Kommunion empfangen. Das ist ein wenig zu oberflächlich. Es geht um die Verbindlichkeit.

Kardinal Kasper verteidigt den Papst mit den Worten, es gehe nicht um ein „Christentum light“ – wie Coca cola light. Ich finde, diese Lösung ist für den Betroffenen höchst anspruchsvoll.

Der eine Fragenkreis, der vor allem in den Medien immer wieder behandelt wurde, betrifft die geschiedenen Wiederverheirateten. Der andere betrifft Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung. Im Flugzeug hatte der Papst einmal gesagt: Wie komme ich dazu einen Homosexuellen, der Gott sucht, zu verurteilen.

Leider hat die Kirche immer wieder den Eindruck vermittelt, sie verurteile Menschen. Das darf sie auf keinen Fall tun. Die Kirche darf nur Taten oder Verhaltensweisen beurteilen. Sie darf nie Menschen be- oder gar ver-urteilen. Jesus sagt zu der Frau, die als Ehebrecherin angeklagt ist: „Geh und sündige nicht mehr“. Er fordert sie nur auf, nicht zu sündigen. Er wirft keinen Stein auf sie, ebenso wie die Pharisäer, die sie steinigen wollten, sich leise verzogen haben.

Wichtig scheint mir der Hinweis: Papst Benedikt hat in seinem jüngsten Interviewbuch „Letzte Gespräche“ erklärt, er sei mit dem Tun seines Nachfolgers ganz einverstanden.

Papst Franziskus ändert die Lehre der katholischen Kirche nicht. Aber er erinnert an Grundlagen des Vorgehens Jesu Christi, die vielleicht teilweise vergessen wurden. Sie sind eigentlich ganz einfach:

Die Sünde verabscheuen, aber den Sünder lieben. Konkret: Ehebruch verabscheuen, aber den Ehebrecher lieben, den Diebstahl verabscheuen, aber den Dieb lieben, den Mord verabscheuen, aber den Mörder lieben. Das ist keine neue Lehre, aber vielleicht wurde die Kirche in ihrem Verhalten spießbürgerlich und hat eben den Ehebrecher wissen lassen, dass sie ihn nicht liebt, ebenso den Mörder und den Dieb.

Ich bin überzeugt davon, dass das Papst Benedikt genauso sieht. Aber Papst Franziskus hat gemerkt, dass die Kirche einen falschen Eindruck verbreitet. Er ist aufmerksam auf die Wirkung. Er ändert nicht die Lehre, aber weist auf das falsche Image hin.

Und schließlich macht mich Papst Franziskus darauf aufmerksam, dass Jesus in kein denkerisches System passt: Er ist einerseits außerordentlich anspruchsvoll und streng und andererseits außerordentlich barmherzig und großzügig. Denn einerseits sagt Jesus: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. – oder: Wer nicht alles aufgibt, kann nicht mein Jünger sein. Andererseits vergibt er der Ehebrecherin, dem ungläubigen Thomas, dem Verräter Petrus, den Jüngern, die alle davon gelaufen sind. Er isst mit denen, die von den Frommen als Sünder bezeichnet werden. Jesus sagt von sich: Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder. Jesus passt in kein System. Und vielleicht hat die Kirche manchmal den Versuch unternommen, ihn in ein System zu pressen. Und das geht nicht.

Deutlich wurde diese Haltung von Papst Franziskus in einer Ansprache an polnische Beichtväter. Ihnen sagte er: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, es gibt viele Grautöne. Er will damit wohl sagen: Ihr müsst die Menschen da abholen, wo sie sind. Sie sind nicht nur Böse und Gute. Man kommt nicht als Sünder in den Beichtstuhl hinein und kommt als Heiliger heraus. Alle sind auf dem Weg. Und diese Haltung wurde auch deutlich in dem Interview mit der „Zeit“. Da sagte er unter anderem auch: „Ich bin ein Sünder und fehlbar. Mein Herr ist ein Herr der Sünder, nicht der Gerechten – auch der Gerechten, aber die Sünder liebt er mehr.“

Das Entscheidende an Franziskus ist m.E., dass er den Finger legt auf das falsche Image, das die Kirche von sich verbreitet hat als wäre sie eine Einrichtung von Nicht-Sündern oder Heiligen. Nein – die Gemeinschaft Jesu ist eine Gemeinschaft von Sündern auf dem Weg, die gerufen sind, umzukehren und sich darum zu bemühen.

Und diese Änderung ist angesichts der Aufklärung nötig. Denn der heutige aufgeklärte Mensch denkt eben selbst und sieht die Defekte der Kirchenführer und der Gläubigen. In der alten Zeit hätte man hingenommen, dass Kirchenführer eben keine Heilige sind. Das ist vorbei. Der Papst sagte ausdrücklich: Ich bin ein Sünder und fehlbar.

Daher konnte schon ganz früh ein Journalist schreiben: Franziskus ist nicht liberal, sondern radikal.

Wir stehen bei der Therapie.

Nun aber fragen Sie sich: Wie steht denn Papst Franziskus zu den heißen Eisen, die von vielen diskutiert werden: Frauenpriestertum, Abschaffung des Pflichtzölibats, Verbesserung des Vatikans?

Zum Frauenpriestertum hat er sich nur kurz geäußert, er sehe keine Möglichkeit dafür. Vor allem aber sehe er die Rolle der Frau in der Kirche anders. Die Frau sei sogar sehr wichtig. Dahinter steht wohl seine Überzeugung: Bitte das Amt in der Kirche nicht überschätzen, das Priestertum und das Bischofs- und Papstamt! Er ist wohl der Ansicht, dass im Allgemeinen das Amt zu hoch  eingeschätzt wird. Es ist seiner Ansicht nach nicht so wichtig wie die öffentliche Meinung sagt. Die Weitergabe des Glaubens, die Vermittlung des Glaubens ist eine Sache jedes Mannes und jeder Frau. Einmal sagte er: Die Gottesmutter Maria ist wichtiger als alle Bischöfe und Päpste. Er hat wohl den Verdacht, dass es manchen um Macht in der Kirche geht, und das verabscheut er. Vielleicht machen gerade wir in Mitteleuropa, die wir gut organisieren können, den Fehler zu denken, dass Kirche von guter Organisation abhängt.  Aber sie hängt entscheidend nur vom Beten ab.

Wie steht es mit dem Diakonat der Frau. Eine Versammlung von Ordensfrauen hat ihn danach gefragt, und er ließ sofort eine Kommission einsetzen. Sie soll zunächst historisch prüfen, was die Diakoninnen in der frühen Kirche für Funktionen hatte. Er schloss also das Amt der Diakonin nicht aus. Aber alles ist in Prüfung.
Ich persönlich erlaube mir noch diese Überlegung: Wichtige historische Entscheidungen werden von Konzilien und Synoden getroffen. In ihnen sitzen bisher nur Männer. Und ich schließe nicht aus, dass der Papst eines Tages sagt: Das geht eigentlich nicht, dass solche historischen Entscheidungen nur von Männern gefällt werden. Wohlgemerkt: die Teilnahme an solchen Versammlungen und Entscheidungen hängt meines Erachtens auch nicht von einer Weihe ab. Ich schließe daher nicht aus, dass der Papst auch über eine solche Beteiligung von Frauen am Leben der Kirche nachdenkt.

Und noch eine wilde Vermutung von mir: Könnte es sein, dass eines Tages die Päpste nicht nur von Kardinälen gewählt werden, sondern dass die Hälfte der Wähler aus Laien, aus Männern und Frauen besteht? Um eine richtige Personalie zu entscheiden, braucht man an sich keine Weihe. Aber das ist vielleicht Träumerei.

Wie steht es mit dem Pflichtzölibat? Er ist ja eine historische Entscheidung, die auch wieder geändert werden kann. Ich zitiere, was der Papst im Interview mit der „Zeit“ gesagt hat. Er sagte: Über den freiwilligen Zölibat wird in diesem Zusammenhang immer wieder gesprochen, vor allem dort, wo es an Klerus mangelt. Doch der freiwillige Zölibat sei keine Lösung.

Dann fragte der Chefredakteur der `Zeit`: „Was ist mit den Viri probati, jenen »bewährten Männern«, die zwar verheiratet sind, aber aufgrund ihres nach katholischen Maßstäben vorbildlich geführten Lebens zu Priestern geweiht werden können?“ Darauf sagte der Papst: „Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.“ Dann fragte der Chefredakteur der `Zeit`: „Warum ist das für die katholische Kirche nicht der richtige Moment, um den Zölibat aufzuheben oder zu lockern? Franziskus: „Es geht der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu erkennen, zu erkennen, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt. Deshalb sagte ich, über die Viri probati wird weiter nachgedacht.“ Also: Über die Weihe verheirateter Männer soll weiter nachgedacht werden.

Diese Weihe hatte der aus Österreich stammende Bischof Kräutler ihm vorgeschlagen. Kräutler war viele Jahre lang Bischof im brasilianischen Amazonasgebiet. Seine Gemeinden hatten nur ein oder zweimal pro Jahr die Messe. Er schlug dem Papst vor, verheiratete bewährte Männer zu weihen, die sonntags die Eucharistie feiern könnten, im Übrigen aber ihrer Arbeit nachgehen. Ich vermute, der Papst wünscht sich solche Vorschläge und ist der Ansicht, dass Initiativen nicht immer vom Vatikan ausgehen müssten.

Die Verwaltung der Weltkirche durch den Vatikan ist ja ein weiteres Thema, das die Medien immer wieder aufgreifen. Dazu hat der Papst jeweils vor Weihnachten fast Strafpredigten gehalten. 2014 sprach er von 15 Krankheiten. Er geißelte Karrierismus und geistigen Alzheimer. Schlimm ist eher Routine, die Überzeugung, längst alles besser zu wissen, Schmeichelei. Ich nenne noch einige Punkte, die der Papst ansprach: Eine Organisation, die sich für fehlerlos hält, ist krank, die eigene Arbeit für wichtiger zu halten als das Tun Gottes, ausufernde Planung, geistlicher Alzheimer, Ruhmsucht, Rivalität, Vergötterung der Vorgesetzten, Schmeichelei, Gier nach Macht.    

Vor Weihnachten 2016 sprach der Papst vor dem Vatikan von 12 Kriterien für eine Reform des Vatikans. Das erste Kriterium ist für ihn die persönliche Bekehrung, die  missionarische Ausrichtung, dann nannte er Rationalität und  Funktionalität, weiter „Aggiornamento“, also Verheutigung, weiter Einfachheit, Subsidiarität, Professionalität.

Der Papst ist sich darüber bewusst, dass der Vatikan Reform braucht. Ich erinnere daran, dass er auch gewählt wurde, weil er im Konklave Reformen im Vatikan gefordert hatte.

Soweit die Ansichten des Papstes zu den Forderungen, die von Katholiken und Nichtkatholiken an die katholische Kirche gerichtet werden. Um  aber zur Antwort auf die Frage „Kann Franziskus die Kirchenkrise wenden?“ näher zu kommen, müssen wir uns noch einmal fragen, worin eigentlich die Kirchenkrise besteht und worin sie begründet ist.

Ich muss nun noch einmal zur Diagnose der Kirchenkrise zurückkehren. Ich vertrete die etwas kühne These, dass die große Mehrheit der Mitteleuropäer noch der Ansicht ist, Religion sei Privatsache. Und ich sage ganz einfach: Das ist nur die halbe Wahrheit, ist altmodisch, ungebildet. Einerseits stimmt es, dass niemand zu einer Religion gezwungen werden darf und niemandem verboten werden darf, einer Religion anzugehören. Andererseits zeigt sich aber gerade heute immer mehr, dass die Gesellschaften ganz wesentlich von Religionen geprägt werden. Wenn Religionen untergehen oder vergessen werden, ändert sich die Gesellschaft. Die nicht immer ausgesprochene allgemeine Ansicht lautet: Da Religionsfreiheit gelte, müssten Staat und Gesellschaft gleichsam religionslos oder religionsneutral sein.  Es gelte absolute Trennung von Staat und Religion. Religionen und ihre Anhänger dürften im Staat müssten im Staat geduldet werden, dürften aber keine Rolle spielen. Religionen übten Druck oder Pression auf die Gesellschaft aus. In Frankreich ist das am schärfsten ausgeprägt: Dort sind Kirche und Staat völlig getrennt. In Deutschland haben wir rechtlich eine gute Zusammenarbeit. Sie zeigt sich vor allem im Religionsunterricht in staatlichen Schulen und im Einzug der Kirchensteuer.

Richtig aber ist, dass jede Zivilgesellschaft ganz wesentlich abhängt den religiösen Quellen. Die europäische Gesellschaft hängt ganz wesentlich ab von den christlichen und jüdischen Quellen, konkret vom Dekalog des Moses, der gewöhnlich als „Die zehn Gebote“ genannt wird und von der Bergpredigt und den sonstigen Lehren Jesu Christi. Kultur und Gesellschaftsordnung Europas wurden wesentlich von den jüdisch-christlichen Quellen geprägt. Daher tickt Europa anders als Asien und Afrika. Nord- und Südamerika sind Kinder Europas.

Am eindrucksvollsten fand ich das kürzlich in einem Interview bestätigt, das der bekannte französische Schriftsteller Houllebecq dem Spiegel gegeben hat. Wörtlich sagte er: „Die Religion hat eine Schlüsselfunktion in der Gesellschaft und für deren Zusammenhalt. Sie ist ein Motor der Gemeinschaftsbildung“. Und die Schlussfolgerung aus dieser Feststellung: „Es ist meine tiefe persönliche Überzeugung, dass eine Religion, ein wahrer Glaube, sehr viel mächtiger ist in der Wirkung auf die Köpfe als eine Ideologie…. Eine Religion ist sehr viel schwieriger zu zertrümmern als ein politisches  System.“

Also nach Houllebecqs Ansicht hat Religion eine Schlüsselfunktion in der Gesellschaft und für ihren Zusammenhalt. Sie ist also keine Privatsache, auch wenn niemand zu einer Religion gezwungen werden darf.

Und hier muss ich nun zu Papst Franziskus überwechseln. Er sagte vor dem Europaparlament in Straßburg 2014 auf seine Weise Ähnliches wie Houllebecq „Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen humanistischen Geist, den es doch liebt und verteidigt. … Ich halte in diesem Sinne das vergangene Erbe des Christentum für grundlegend für die der soziokulturellen Gestaltung des Kontinents heute. Ich wünsche mir auch einen Beitrag des Christentums heute und in der Zukunft zum Wachstum Europas. Dieser Beitrag stellt keine Gefahr dar für die Laizität der Staaten und für die Unabhängigkeit der Einrichtungen der Union, sondern eine Bereicherung.“

Der Papst spricht verhalten von der „transzendenten Dimension des Lebens“. Mit anderen Worten: Ein Europa, das nicht mehr nach Gott fragt, für das die Frage nach Gott keine Rolle mehr spielt, verliert seine Seele und die Quelle, aus der seine Humanität kam.

Vermutlich kannte Papst Franziskus auch viele Aussagen seines Vorgängers, der sich lange Zeit wissenschaftlich mit der Frage herumgeschlagen hatte. Im Jahr 1990 sagte er als Kardinal Ratzinger im Dom zu Speyer „Ein Staat darf sich nicht selbst zur Religion machen, er muss profan bleiben und sich von der Religion als solcher unterscheiden. Aber er darf auch nicht in den puren Pragmatismus des Machbaren abgleiten. Ein grundsätzlich Gott gegenüber agnostischer Staat, der Recht nur auf Mehrheitsmeinungen aufbaut, sinkt von innen her zur Räuberbande ab. Darin muss man Augustinus recht geben: Wo Gott ausgeschlossen wird, ist das Prinzip Räuberbande – in unterschiedlich krassen oder gemilderten Formen – gegeben. Das beginnt, sichtbar zu werden dort, wo das ungeordnete Umbringen unschuldiger Menschen – Ungeborener – mit dem Schein des Rechtes umkleidet wird, weil es die Deckung des Interesses der Mehrheit hinter sich hat.“

In Frankreich sagte 1989 Kardinal Josef Ratzinger: „Wo Gott und die von ihm gesetzte Grundform menschlicher Existenz aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt und ins Private, bloß Subjektive abgeschoben wird, löst sich der Rechtsbegriff auf und damit das Fundament des Friedens“.

Papst Franziskus hat  am 9. Januar 2017 vor dem Diplomatischen Korps erklärt: „Ich bekunde die feste Überzeugung, dass jeder Ausdruck von Religion den Frieden zu fördern hat…. Wir wissen zwar, dass es an religiös motivierter Gewalt nicht gefehlt hat…. Zugleich ist es angebracht, die vielfältigen religiös inspirierten Werke nicht zu vergessen, die – manchmal auch unter dem Opfer der Märtyrer – am Aufbau des Gemeinwohls mitwirken, besonders durch Bildung und Unterstützung vor allem in den am meisten notleidenden Regionen und den Konfliktschauplätzen. Solche Werke tragen zum Frieden bei und geben Zeugnis davon, wie man konkret zusammenleben und zusammenarbeiten kann – selbst wenn man verschiedenen Völkern, Kulturen und Traditionen angehört –, sooft die Würde der menschlichen Person in den Mittelpunkt des eigenen Handelns gestellt wird…..“

Ich wiederhole meine These: Die meisten Bürger Europas hängen noch der Ansicht nach, Religion sei Privatsache, habe sich aus dem politischen Geschäft rauszuhalten und dürfe in der Gesellschaft keine Rolle spielen. Wer an Christus glaube, könne ja glauben, aber der Staat müsse religionsneutral sein. Vermutlich unterscheiden viele Menschen zu wenig zwischen Staat und Zivilgesellschaft.

Der Staat hat die Aufgabe, die Verfassung zu schützen und Gesetzesübertretungen zu bestrafen. Die Zivilgesellschaft aber kann  und darf Religion pflegen und sie lebt davon, dass sie religiöse Quellen pflegt. Unter Zivilgesellschaft verstehe ich die freien Zusammenschlüsse von Bürgern, die Vereine und Gruppen und Einzelpersonen.

Etwas oberflächlich formuliert kann man sagen: Religion – konkret in Europa – Christentum ist für den Staat und die Gesellschaft nützlich.

Aber unsere mitteleuropäische Frage ist anders: Bräuchten wir mehr Glauben, Glauben an Jesus Christus, um das Gemeinwesen vor reinem Pragmatismus zu schützen. Ich meine ja. Wenn das Gemeinwesen sich nur auf die Entscheidung der Mehrheit stützt, ist es rein pragmatisch.

Ich erlaube mir hier einen Blick auf die letzte Bundestagswahl. Bei ihr haben die CDU/CSU und die SPD stark verloren. Ich erlaube mir die Frage: Kommen wir an eine Grenze der Demokratie? Denn wer regieren will, muss sich nach der Mehrheit seiner Wähler richten. Wenn diese primär nur materialistisch orientiert sind, kann sich die Regierung nicht an moralischen, ethischen Zielen orientieren. Regierende spiegeln den Pragmatismus der Wähler. Solange es die weltanschauliche Spannung zwischen Moskau und Washington gab, musste man auch nach einer Weltanschauung fragen. Durch die weltanschauliche Spannung traten die rein pragmatischen Wünsche zurück.

Freilich kann man einwenden: unsere Verfassung schützt uns  doch vor reinem Pragmatismus, daher reicht diese gute demokratische Verfassung. Manche sagen sogar: Der Dekalog und die Bergpredigt Jesu sind in die Verfassung eingegangen: Nach ihr gilt das Gewaltmonopol des Staates, das Leben des Menschen darf nicht von Privatpersonen angegriffen werden, die Ehe und das Eigentum sind geschützt. Der Mensch ist vor Gericht auch zur Wahrheit verpflichtet. Betrug ist strafbar. Und schließlich: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar. Daher die Frage: braucht es neben der Verfassung noch Religion?

Meine Antwort: Die Verfassung gibt einen Rahmen, sie ist gleichsam ein Zaun. Jenseits des Zaunes darf niemand gehen, sonst wird er bestraft. Aber die Verfassung gibt keine Motivation. Religion, religiöser Glaube aber motiviert. Die Verfassung schützt nur, aber motiviert nicht.

Daher also meine These: Die Glaubenskrise und die Bildungskrisen betreffen auch das Gemeinwesen, den Staat.

Und nach diesem Rückblick auf die Diagnose zurück zur Frage: Kann Franziskus die Kirchenkrise wenden?

Ja – er kann dazu beitragen, dass die Bedeutung von religiösem Glauben, die Überzeugungskraft des christlichen Glaubens wieder erkannt wird. Und er hat schon mehrfach unterstrichen: Christentum ist nicht primär eine Morallehre, sondern die Verkündigung der Liebe Gottes zum Menschen. Die Kirche muss die Zuwendung Gottes zum Menschen verkünden, die Barmherzigkeit Gottes.

Aber ich vertrete die Ansicht: Wir sind eine aufgeklärte Gesellschaft, das ist gut, wir müssen selbst denken. Der Papst kann uns helfen, aber wir müssen selbst die gesellschaftliche Bedeutung des christlichen Glaubens wieder entdecken.

Und hier muss ich mir nun selbst einen Einwand machen: Missbrauchen wir dann nicht Jesus Christus zu gesellschaftlichen Zwecken? Würde Jesus Christus nicht einwenden: Ich bin gekommen, das Reich Gottes aufzubauen. Ich bin kein Kulturstifter. Ich wage es aber Jesus zu erwidern: Aber die Früchte deiner Verkündigung sind gut und hilfreich. Wenn wir an das Reich Gottes glauben, dann verhalten wir uns auf Erden besser und richtiger.

Der Papst hat wichtige Vordenker auf seiner Seite. Einige möchte ich aufzählen: Der Philosoph Karl Jaspers sprach von den vier maßgebenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte: Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus. Die europäische Geschichte ist wohl mehr geprägt von Jesus von Nazareth als von Sokrates.

Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss sagte: Europa ist gebaut auf drei Hügeln. Areopag in Athen, Kapitol in Rom und Golgota in Jerusalem. Gemeint ist: vom griechischen philosophischen Denken über Staat und  Gesellschaft, vom lateinischen Denken über Recht und Gerechtigkeit, vom sozialen und liebenden Denken Jesu Christi am Kreuz.

Die britische Ministerin Sayeeda Warsi im Kabinett Cameron, eine Muslima pakistanischer Herkunft sagte in einem Gespräch (mit Radio Vatikan): „Europa muss sich seines Christentum sicherer werden. Um sicher zu stellen, dass der Glaube seinen eigenen Ort in der Öffentlichkeit hat, und dass der Frieden in der Gesellschaft gefördert wird, müssen sich Menschen ihrer religiösen Identität sicherer werden, überzeugter in ihrem Glauben. Das bedeutet in der Praxis, dass Glaube nicht verwässert wird, und die Nationen ihr religiöses Erbe nicht verleugnen.“ Wenn religiöse Zeichen in der Öffentlichkeit verboten werden, liegt ein Missverständnis vor. Man meint fälschlicherweise, dass Gleichheit und Religionsfreiheit nur geschaffen werden können, wenn man das eigene religiöse Erbe zurückdrängt. Wörtlich sagte sie weiter: „Ich sage nicht, dass alles, was im Namen von Religion getan wurde, für diesen Kontinent ein Segen war. Zu viel Blut ist vergossen worden. Aber zu versuchen, unserer Geschichte auszulöschen, ist falsch.“ Und weiter: „Der einzige Weg der Annahme von Anderen ist die Sicherheit der eigenen Identität. Nur wenn man in der eigenen Identität zufrieden ist, ist man bereit, zu akzeptieren, dass der Andere keine Gefahr darstellt.“ Und schließlich: Glaube gibt der Gesellschaft Stärke. Vertrauen in den eigenen Glauben lässt uns den Glauben anderer gegen Angriffe verteidigen.“

Der deutsche Politikwissenschaftler syrischer Herkunft, Bassam Tibi,

Professor in Göttingen, fürchtet für Deutschland um seine Identität. Er schrieb schon 1998 in seinem Buch „Europa ohne Identität“:  „Jede konsistente Gesellschaft, jedes unbeschädigte Gemeinwesen hat eine kollektive Identität, die auf einer verbindlichen Werteordnung basiert. In traditionellen Gesellschaften wird die Werteorientierung tradiert und durch Erziehung in Familie und Gesellschaft weitervermittelt. In modernen demokratischen Gemeinwesen hingegen wird die jeweilige Werteorientierung durch Konsens gebildet und nach Bedarf erneuert. Beide Gesellschaftsformen stehen miteinander insofern in Zusammenhang, als auch moderne: Nationen einen ‚ethnischen Ursprung’ haben. Moderne Nationen definieren sich allerdings nicht mehr ethnisch, sondern als Wertegemeinschaft. Hierfür habe ich vor vielen Jahren den Begriff ‚Leitkultur’ in meinem Europa-Buch geprägt“.

Der ehemalige bayrische Kultusminister Hans Maier unterstreicht, dass das Menschenbild Europas wesentlich von Jesus Christus geprägt wurde. Es unterscheidet sich vom Menschenbild der Hindus, Buddhisten, Konfuzianer, Muslimen. Maier schreibt:

„In der Bibel kommen alle Menschen in den Blick – nicht nur die exemplarischen, vollendeten, vorbildhaften. Dementsprechend wendet sich die christliche Botschaft an alle. So begegnen uns in den Evangelien nicht nur Könige, hohe Beamte, Offiziere, Reiche und Mächtige, sondern auch Handwerker, Fischer, Soldaten, Zöllner, Dirnen – Menschen also, die bis dahin, folgt man den Stilregeln der antiken Welt, überhaupt keinen Anspruch auf literarische Gestaltung und Überlieferung hatten.“

Der bekannte Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat die klassische Formulierung geboren: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

Für Mitteleuropa fasse ich zusammen: Ich wage die These: Der Mitteleuropäer hat ein gespaltenes Verhältnis zu Religion ganz allgemein und besonders zum Christentum. Einerseits werden Religionen und ihre geistigen Produkte geschätzt und bewundert. Aber es scheint die Ansicht des us-amerikanischen Soziologen Casanova zu stimmen: Europa hat Angst vor Religion.

Es kommt dazu, dass die Kirche natürlich genügend Anlass gibt, Zweifel zu haben an ihrer Botschaft. Sie besteht nur aus Menschen und wird von aufgeklärten Menschen kritisch beobachtet. Weiter unterliegt vor allem die katholische Kirche dem Gesetz der Medien: „Schlechte Nachricht ist gute Nachricht“. Jede Panne, jeder Skandal wird gemeldet, Erfolg werden als selbstverständlich angesehen und man spricht kaum darüber.

Zur Therapie gehört die Erkenntnis, wo die breite Öffentlichkeit wohl noch in überholten Kategorien denkt, wo sie noch denkt: Religion ist Privatsache. Sie sollte ihren Irrtum erkennen.

Nun die beiden Orientierungspunkte, die ich Wissen und Glauben nenne.

Wissen kann man organisieren. Glauben nicht. Alle Einrichtungen, die sich mit Wissensvermittlung befassen, sollten mitwirken bei der Erkenntnis, was die Quellen der Werte, Maßstäbe Europas sind, woher die Gesellschaftsordnung und Kultur Europas herkommen. Es handelt sich dabei weitgehend um die Schulen und Hochschulen. Die Kultusministerien sind gefragt. Religionsunterricht reicht nicht.

Aber auch alle freien, nicht staatlichen gesellschaftlichen Zusammenschlüsse müssten dabei mitwirken. Vor allem müssten sie auch verbreitete Irrtümer bekämpfen und Schlagwörter erklären, etwa das Schlagwort „Der Islam gehört zu Deutschland“. Warum hat niemand gefordert ein Schlagwort „Das Judentum gehört zu Deutschland“? Es braucht dieses Schlagwort nicht, denn die Sache ist klar. Wie unnötig ist die staatliche Einführung von muslimischen oder jüdischen Festen, wenn schon die Mehrheit der Deutschen nicht wissen, worum es an Weihnachten und Ostern geht.

Ich meine: Nötig wäre heute eine breit angelegte und lang anhaltende Bildungsbemühung, die wesentlichen Quellen unserer Gesellschaftsordnung zu kennen: Das ist der Dekalog des Moses, er ist ein Kulturgut. Er setzt einem Volk gesellschaftliche Normen: Respekt vor dem Leben, der Wahrheit, dem Eigentum, den Eltern, der Ehe – und dies angesichts des Glaubens an einen Schöpfergott.

Und dann die Bergpredigt Jesu. Das Gebot der Nächsten und Feindesliebe ist wie ein Stachel im Fleisch Europas. Auch wenn das Gebot nicht eingehalten wird, so ist das Wissen um dieses Gebot doch tief ins Unterbewusstsein Europas eingedrungen. Dabei geht es immer noch nur um das Wissen. Wissen ist zu vermitteln, zu organisieren.

Viel schwieriger ist der zweite Teil, das Glauben. Glauben kann man nicht organisieren. Er muss von Zeugen auf Andere überspringen. Normalerweise waren das die Eltern. Dies ist leider zum guten Teil abgebrochen. Glauben an Jesus Christus kann auch heute noch von Zeugen auf andere überspringen. Aber das lässt sich nicht organisieren. Aber man sollte die Voraussetzungen dafür kennen, damit der Glaube überspringen kann.

Ich nenne einige: Erstens Glaubwürdigkeit. Die Zeugen müssen glaubwürdig sein.  Zweitens Verständlichkeit: Die Sprache des Glaubenszeugen muss dem heutigen Menschen verständlich sein. Hier fehlt es manchmal im Sprechen von Kirchenleuten. Drittens der Rahmen: Damit das Glaubenszeugnis ankommen kann, ist nötig Aufmerksamkeit, Ruhe, Zeit. Routine ist schädlich. Viertens: Gemeinschaft: Das Zeugnis kommt leichter an, wenn der Mensch, der zum Glauben kommen soll und will, erlebt, dass er in eine Gemeinschaft hineinwächst, wo er nicht einsam ist, sondern getragen von Gesinnungsgenossen.

Gegenzeugnisse sollten vermieden werden, etwa abstoßendes Verhalten, psychischer Druck. Es muss Freiheit erfahren werden.

Es ist schon auffällig, das heute in Mitteleuropa fast alle Pfarreien sich schwer tun – und dies nicht nur, weil Pfarrer fehlen, sondern weil die Erwartungen an einen Pfarrgottesdienst wohl zu verschieden sind. Die einen wollen ihn kurz, die anderen länger, meditativer. Die einen wollen moderne Gesänge, andere alte. Die Lokalgemeinde hat es immer schwerer.

Im Vergleich dazu wachsen erstaunlich viele sogenannte „Bewegungen“, Zusammenschlüsse von Gemeinschaften mit einer bestimmten Spiritualität. Ich nenne einmal die aus Italien stammenden „Focolarini“ und „San Egidio“, die aus Spanien kommenden „Neokatechumenalen“, die aus Frankreich kommenden „Equipes Notre Dàme“ und „Gemeinschaft Emanuel“, in Deutschland entstand die „Schönstattbewegung“. Und dann macht in jüngster Zeit viel von sich reden das „Gebetshaus“ in Augsburg. In ihm beten rund um die Uhr viele Menschen.

Ich wage eine Prognose: Örtliche Pfarrgemeinden werden es in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten schwer haben. Es muss sie weiterhin geben, denn die Kirche lebt am Ort, in der Nachbarschaft. Auch Kirche braucht das, was seit jüngster Zeit im Gespräch ist: „Heimat“. Aber wenn kein Wunder geschieht, werden es die örtlichen Pfarrgemeinden vor allem auf dem Land schwer haben. Die Chance liegt tatsächlich mehr bei den neuen Gemeinschaften, die sich je nach Interessen und Geschmack zusammen finden. Junge Leute sammeln sich wohl eher dort. Ältere brauchen die Gemeinde am Ort.

Hier ganz wenige Aufmerksamkeitspunkte:

Wer die Kirche liebt, soll nicht auf Bischöfe und Amtsträger warten, sondern am Ort das tun, was er oder sie tun kann.

Keine Diskriminierungen von Konservativen gegen Progressive und umgekehrt. Wenn wir uns innerkirchlich streiten und diskriminieren schaden wir der Sache Jesu. Es muss ja niemand bei einer Gruppe mitmachen, die ihm oder ihr nicht gefällt.

Auf die einseitigen Informationen in den Medien achten, kritisch lesen. Nicht alles, was die Medien schreiben, ist richtig oder wichtig. Irreführungen und Einseitigkeiten erkennen. Es wird oft nicht gelogen, aber einseitig dargestellt und berichtet.

Sich immer wieder bewusst machen: Die Sache Jesu kann man nicht organisatorisch „machen“. Glaubensleben ist nicht organisierbar. Es muss wachsen, es muss überspringen. Glauben lebt vom Zeugnis. Der Glaube ist vor 2000 Jahren angesprungen durch das Zeugnis der Märtyrer, durch die Glaubenszeugen.

Und der Sprung vom Wissen zum Glauben ist wohl auch beim Apostel Paulus begründet. Im Römerbrief schreibt er „Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? (Röm 10.14). Glauben kommt also auch vom Hören. Ich vertrete die Ansicht: Viele Getaufte in Mitteleuropa wissen über das, was sie glauben wollen und sollen, sehr wenig. Sie haben zu wenig davon gehört. Sie haben nicht hingehört oder man hat ihnen nur oberflächliche Teile mitgeteilt. Wir wollen zwar zum Glauben hinführen, aber anfangen können und sollen wir auch beim Wissen und noch naheliegender bei der Überwindung der diabolischen Irrtümer, dass nämlich Glauben Privatsache ist.

Ich schließe mit dem Gedanken: Wenn gebildete Japaner, Chinesen,  Thais, Inder nach Europa kommen, wundern sie sich vielleicht, warum die Europäer das Christentum so unter den Scheffel stellen, nicht pflegen, vergessen, sich seiner schämen. Sie werden sagen: „Eure ganze Kultur ist doch durch und durch geprägt vom christlichen Glauben: Euer Menschenbild, eure Gesellschaftsordnung, euer Sozialwesen, euer Rechtswesen. Wenn wir von außen kommen, erkennen wir, wie sehr Ihr Europäer vom Christentum und seinen jüdischen Wurzeln geprägt seid. Ihr merkt es nicht, weil ihr daran gewohnt seid. Und rein äußerlich: Schaut nur Eure Dome und Wallfahrtskirchen, die zahllosen Dorfkirchen und Kapellen. Schaut auf eure Literatur: Der Faust von Goethe ist ohne den Teufel und Gott nicht zu denken. Hört Euren Bach und Mozart: Was wären sie ohne ihren Glauben. Und schaut auf die Werke von Michelangelo und Raffael, auf Dürer und Grünewald. Und vergesst nicht die Männer und Frauen, die aufgrund ihres Glaubens Hitler und Stalin widerstanden haben und für ihren Glauben gestorben sind.“ Die Asiaten würden uns vielleicht erinnern an die Worte Jesu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.

Ja – heute kommt es darauf an, dass alle, die Jesus Christus und den Vater im Himmel suchen, sich immer wieder sagen: Auch heute ist der Herr bei uns. Er kennt unsere Situation, er weiß um sie,  er hat sie zugelassen. Er will, dass wir mit ihm arbeiten, dass wir Zeugnis geben, Geduld haben, das Unsere tun und dem Herrn das Ganze überlassen.

Eberhard von Gemmingen SJ, München

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