Pfingsten 2018

Einige Gedanken

Als ich gestern in Syrakus der Pfingstpredigt des Priesters lauschte, der erst wenige Minuten zuvor in seine Kirche geeilt war, wurde mir bewusst, sie wenig uns der Heilige Geist präsent ist. An den Gesichtern der mich umgebenden Menschen schien ich zu erkennen, dass auch sie die Worthülsen des Priesters kaum verstanden. Sie waren zwar mit dem Katechismus hundertprozentig erklärbar, aber sie strahlten nicht das Feuer aus, das der Heilige Geist uns in dieser Zeit wohl schenken möchte.

Wie anders klangen die Worte jenes Priesters, den ich einmal in der Sakristei der Dreifaltigkeitskirche in Bern zuhören durfte. Ein priesterlicher Freund, der damals dort als Vikar wirkte, hatte mir die Gelegenheit geschenkt, diesem begnadeten Prediger nach dem Gottesdienst zu begegnen. Es war Père Tardiff, ein Kanadier, der einst in der Erwartung seines nahen Todes in einem Krankenhaus lag, als ihn eine Gruppe bekennender Christen am Krankenbett aufsuchte und um Erlaubnis bat, über ihn zu beten. Eher widerwillig hatte dieser Gottesmann dem Ansinnen dieser Laien stattgegeben und die „Prozedur“ über sich ergehen lassen. Was geschah? In Sekunden verschwanden all seine Krankheitssymptome und er konnte sofort sein Bett geheilt verlassen. Seine Demut hatte ihn geheilt und sicher auch der Heilige Geist, dem er sich seit jener Stunde in besonderem Mass verbunden fühlte. Mit neuer Energie kehrt er in sein Priesteramt zurück, schloss sich der Gemeinschaft der „Erneuerung im Geist“ an und wurde selbst zu einem der bekanntesten Vertreter dieser Gruppe. Hunderte von Menschen fanden in seinen Gottesdiensten Heilung von schwersten Gebrechen und Krankheiten, so wie er selbst durch das Gebet zum Heiligen Geist geheilt wurde.

Im italienischen Kalabrien wohnt und wirkt ein Laie in ähnlicher Weise. Nach den Gottesdiensten richtet er Worte des Gebets an die anwesende Menge, die oft aus Tausenden von Pilgern besteht. Wie Père Tardiff empfängt er die Botschaft vom Heiligen Geist und verkündet spontan, dass diese oder jene Person in diesem Moment von seinem Leiden befreit worden sei. Dies mag als Hokuspokus erscheinen, doch über 8.000 dokumentierte Heilungen sind der Gegenbeweis. Der Mann heisst Fratel Cosimo und war vorher ein simpler Schafhirte. Der wohl außergewöhnlichste Fall wurde durch einen Schweizer Akademiker beschrieben, ein Text der im Internet zu  finden ist. Als Fratel Cosimo erklärte, dass eine Frau, die seit Jahren völlig gelähmt war, nun geheilt sei, stand diese von ihrem Rollstuhl auf und flog über die Köpfe der Menge hinweg und landete neben dem Freiluftaltar. Hunderte von Menschen haben dies erlebt und bezeugt. Der Laienbruder Cosimo erklärt diese Heilungen durch den Heiligen Geist und die Fürsprache der Muttergottes, die ihm vor Jahren erschienen war. Die Ortskirche anerkennt diese Phänomene als authentisch an und der damalige Bischof Bregantini, ein nüchterner Prälat aus Trient, der von Papst Benedikt später aus seiner Diözese entfernt wurde, weil er sich offen gegen die lokale Mafia gestellt hatte, tolerierte das Geschehen und sein Nachfolger liess sogar eine grosse Kirche am Ort der Erscheinungen errichten. All das, als „Resultat“ des Heiligen Geistes, in Italien, über den der liebe Priester von gestern so theologisch korrekt, aber ohne dessen Feuer gepredigt hatte.

Ich bin oft in einem Land, dessen Religion der Buddhismus ist. Wie sehr staune ich immer wieder, wenn ich in deren Tempel junge Menschen sehe, die kniend vor den überlebensgrossen Statuen des Gründers verweilen, betend, mit kleinen Opfergaben. Müssen wir Christen dies als Götzendienst einordnen? Wohl kaum, würde der Trappistenmönch Thomas Merton erklären, hatte er doch selbst einen neuen Zugang zum Buddhismus gefunden, bevor er 1968 in Bangkok durch einen Unfall starb. Wo finden wir in Europa noch junge und mittelalterliche Menschen, die an einem beliebigen Werktag in der Kirche vor dem Allerheiligsten beten? Ist unser Glaube derart lau geworden, dass wir nicht mehr fähig sind einige Minuten in der meist menschenleeren Kirche zu verweilen und den Gott anzubeten, der unser aller Ursprung ist? Warum muss dieser eucharistische Jesus allein bleiben, wenn draussen Menschen mit ihren Smartphones vorbeieilen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass in diesem Kirchenschiff ein paar Hostien liegen, die in Wirklichkeit mehr Kraft besitzen als alle Atombomben dieser Welt?

Der Heilige Geist ist uns fremd geworden. Er existiert noch in frommen Schriften und wird im Pfingstgottesdienst mit heren Worten gepriesen, wie eben gestern in der kleinen Kirche in Syrakus, von einem Priester, der wahrscheinlich am gleichen Tag, in vielen Kirchen Gottesdienste in halb leeren Kirchen feiern musste, weil er einer Spezies Mensch angehört die selbst rar und einsam geworden ist.

Wie faszinierend war doch die Predigt von Père Tardiff in Bern und fast schien es, dass die Anwesenden alle aufstehen wollten, um dem begnadeten Priester minutenlangen Applaus zu spenden. Doch Berner sind vernünftige Menschen und tun so etwas nicht, wie auch die meisten Schweizer. Wohl denke ich, dass der eine oder andere betend nach Hause gegangen ist, im Wissen, dass der Heilige Geist auch in unserer Zeit lebendig ist und vielleicht erhielt er dann spontan einen Anruf von einem Angehörigen oder Freund, der ihm erschüttert mitteilte, dass es ihm seit einigen Stunden wesentlich besser geht und er sich kaum erklären könne, warum. Ja, der Heilige Geist weht wo er will und wir können einzig auf Ihn hoffen, dass er auch uns erhellt, trotz der Probleme der Kirche, mit ihren Missbrauchsfällen und den Priestern, die ob ihrer Aufgaben fast zusammenbrechen und im schlimmsten Fall ihr Amt aufgeben wollen, weil  w i r  nicht fähig sind, sie im Sinne des Heiligen Geistes zu lieben und zu unterstützen. Es liegt also an uns, dies zu ändern!

Manfred Ferrari

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