Wegzeichen Gottes

Manfred Ferrari

Ist Gott wirklich tot, wie Friedrich Nitsche in einem Aufsatz behauptete? Kann man über Gott tatsächlich reden, wie Robert Bultmann sich fragt? Oder schweigt Gott schlicht und einfach, wie ein Lied von Manfred Siebald uns sagt? In unserer umtriebigen Zeit ist die Gottesfrage schwerer denn je erklären. Die Wissenschaft lässt Baustein um Baustein göttlicher Beweise schwinden, erklärt sie mit konkreten Forschungen und wissenschaftlichen Argumenten. Was, wenn es diesen Gott überhaupt nicht gäbe, er ein Produkt menschlicher Projektion wäre? Der Trappist Thomas Merton sagt dazu: «Der Mensch muss an etwas glauben, und das, woran er glaubt, wird zu seinem Gott», ergänzt aber sogleich «Dies ist eben die Freiheit, die ich immer gesucht habe: Die Freiheit, die darin besteht, keinem Ding unterworfen zu sein und daher in Allem, durch Alles, für Alles durch Ihn, der Alles ist, zu leben".

Gibt dieser angeblich schweigende Gott uns auch heute noch Zeichen, die uns an ihn erinnern, in all unserer Freiheit der Interpretation? Wenn dies so wäre, dann wären es jene Wegweiser für unser geistliches Leben, nach denen wir so dringend suchen. Aber sind wir fähig, sie im Wald der überbordenden Kommunikation zu erkennen? Hatte nicht uns schon Jesus darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht die Schriftgelehrten und Gottesmänner sein werden, die uns dem unbekannten Gott näher bringen, sondern die Fischer vom See Genezareth und Hunderte von Frauen und Männern, die ihm auf seinem irdischen Weg folgten?

Wie oft habe ich selbst nach solch verstehbaren Zeichen göttlicher Gegenwart gesucht. Als ich vor meiner Rückkehr zur katholischen Kirche begann in der Bibel zu blättern, schien sich die Antwort mehr und mehr zu entfernen. Ich las auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift von Kriegen, Intrigen und Lügen. Wie sollte ich also die Erklärung zu den mich so drängenden Fragen erhalten? Einen der Schlüssel erhielt ich in einer der Abendvorlesungen des Physikprofessors Max Thürkauf in Basel. In der ihm eigenen, herausfordernden Art behauptete er, dass das Lesen der Bibel mit dem Lesen einer seiner eigenen Schriften über die Atomphysik zu erklären sei. «Wer von euch wird meine Ausführungen über die Herstellung von Schwerem Wasser verstehen?» fragte er seine Zuhörer. «Und so glaubt ihr, dass die Heilige Schrift, ein Werk göttlicher Eingebung, so simpel zu lesen und zu verstehen sei?». Er sollte Recht behalten, zumindest aus meiner Sicht, der an der Lektüre des Alten Testaments scheiterte und keinerlei Anleitung für mein Leben fand.

Es sollten Jahre vergehen, bis ich fähig wurde, aus den Worten der Bibel das Essentielle zu finden und zu interpretieren. Gerne erinnere ich mich an die Einkehrtage im schweizerischen Notre Dame de la Route, als uns ein Basler Jesuit aufforderte mit dem Neuen Testament in den umliegenden Wald zu gehen, um dort eine Bibelstelle zu finden, die uns anspricht. Ich dachte vielleicht wieder an die Worte des Professors aus Basel, skeptisch und dennoch von einer gewissen Hoffnung beseelt. Ich erwischte eine Stelle in der Apokalypse, die für mein zukünftiges Leben zum Mass wurde. Ich, der ich so stolz auf meine Denkfähigkeit war, wurde daran erinnert, dass es Gott selbst ist, der uns sucht. Er ist es, der uns die Freiheit lässt, ihn in unser Herz zu lassen: «Ich stehe vor der Türe und klopfe an...» (Offb 3.20). Gott also, in Seiner Demut, der durch einen Hauch Seines Atems die Türe aufspringen lassen könnte, klopft als «Bittsteller» an meine Türe, an mein Herz. Er überlässt es mir, die Türe zu öffnen und ihn in meinen Raum zu lassen. Er drängt sich nicht auf, sondern wartet auf mein Handeln, meinen Einlass. Hätte ich dieses Klopfen gehört, wenn es in meinem Raum, in meinem Herzen nicht still gewesen wäre? Hätte ich Seine Anwesenheit bemerkt, wenn ich mit meinem umtriebigen Wesen den Anruf überhaupt nicht hören konnte oder wollte? Diese «Demut Gottes» fasziniert mich immer wieder. Sie ist der Aufruf zur Freiheit, die Er meint, eine Freiheit, die kein menschliches Wesen mir gewähren könnte. Und dieser Gott tritt bei mir ein und hält Mahl mit mir und ich mit ihm. Hier zeigt sich die richtige Reihenfolge. Nicht ich bitte Ihn zu Tisch, sondern Er lädt mich bei mir selbst ein. Diesen Anruf Gottes erleben wir hundertfach, nein tausendfach in unserem Leben. Es sind die Erlebnisse, die wir oft als «Zufall» bezeichnen, die Max Thürkauf mit dem Begriff «zugefallen» erklärte. Es ist das Kreuzen von Raum und Zeit, die der Psychiater Erich Fromm in seinem Buch «Die Kunst des Liebens» erklärt. Es sind die Anrufe Gottes, innezuhalten, um sie zu hinterfragen. Warum treffe ich einen längst gesuchten Freund just in jenem Moment, als mir der Autobus vor der Nase weggefahren ist, den ich im letzten Augenblick verpasst habe? Warum drängt es mich zu einem von mir nicht gewählten Zeitpunkt einen Ort aufzusuchen, den ich nicht selbst gewählt hatte, wo ich etwas erlebe oder erkenne, was ich längst schon suchte. Es sind diese Augenblicke, die mir in besonderer Erinnerung bleiben, da sie oft meinem Leben eine neue Richtung gaben. Es sind die Wegzeichen Gottes, die ich nicht selbst aufgestellt habe und die ich in meiner Eile in anderen Situationen flüchtig übersah. Eben jener Gott, der leise an die Türe meines Herzens klopft, in Seiner Stille, die nur durch meine eigene, innere Stille hörbar ist. Es sind oft Momente, die uns gegen den Strich gehen, Augenblicke in denen ich etwas ganz anderes tun wollte und ich dennoch auf die Stimme meines Herzen hörte, anstatt auf meinen angeblichen Verstand.

Ich erinnere mich dabei an einen unbedeutenden Vorfall in Rom, der mein späteres Leben in eine andere Richtung lenken sollte. Ich wohnte in einem Pilgerhaus gegenüber den Kolonnaden des Petersplatzes. Die Gastschwester Teresina hatte mir am Tag zuvor gesagt, dass sie ein «kleines Negerlein» aufnahm, der kein Dach über den Kopf habe. Dabei drängte sie mich, ihm doch zu helfen, denn ich sei doch ein so tüchtiger Mensch, der sicher eine Lösung habe, für diesen jungen Mann. Spontan erklärte ich ihr, dass ich im Moment derart viele Probleme in Rom zu lösen habe, die mir meine ganze Energie absorbieren. Und so wollte es der «Zufall», dass ich just am selben Tag die steile Treppe zum Gästehaus hinaufstieg und ich in meinem rechten Augenwinkel eben dieses «Negerlein» sah, der ebenfalls zum Eingang strebte. Ich muss wohl ein Stossgebet zum Himmel gesandt haben, damit ich den Wunsch von Schwester Teresina nicht zu erfüllen habe. Mein Gewissen trieb mich aber meinen Treppennachbarn zu fragen, ob er es sei, auf den mich die Ordensfrau in grosser Herzlichkeit aufmerksam gemacht hat. Er bejahte und ich fragte ihn, was ihn denn so belaste. Seine Antwort verschlug mir die Stimme. Er suche einen Schweizer, der ihm helfen könne, legal in die Schweiz zu reisen, um dort zu studieren. Sollte ich fähig sein, meine Nationalität (...für die ich seinerzeit über 8.000 Schweizerfranken hingeblättert habe) zu verleugnen? Ich konnte es nicht. Als er in seinem Zimmerchen seine Reisetasche öffnete und zuoberst die Bibel heraussprang, schien ich es als ein Zeichen von oben zu interpretieren. Als er so nebenbei erklärte, dass es zu diesem Akt auch noch die Intervention eines seiner Landsleute im Vatikan bedürfe und dass dieser Emery Kabongo hiess, fielen meine Bedenken schlagartig dahin, wusste ich doch, dass eben dieser Kongolese an der Seite des polnischen Papstes als Sekretär wirkte. Ich malte mir schon aus, wie ich diesen Mann kennenlernen könnte und dieser mir vielleicht jene Probleme lösen konnte, die mich nach Rom geführt hatten. Es war ohnehin mein Tag der Abreise und ein Telefonat in den Vatikan, bzw. in den Palazzo in Castelgandolfo öffneten mir das Tor, auf das ich mit Sehnsucht gehofft hatte, eine persönliche Begegnung mit Papst Johannes Paul II., die eine Woche später erfolgen sollte, nach meiner Rückkehr nach Rom. Der junge Afrikaner kam später wirklich in die Schweiz und die für mich unbezahlbare Garantiesumme von einhunderttausend Franken musste ich nie bezahlen, da die Basler Beamtin mir unverblümt sagte, dass sie diese Summe für ungebührlich hielt und sie niemanden fragen werde, ob ich diese Summe je aufbringen könne. Dieudonné (übersetzt «von Gott geschenkt») Otafudu absolvierte sein Studium der Geologie in Genf mit grossem Erfolg, lernte eine attraktive Schweizerin kennen und ist heute Vater von kaffeebraunen Buben, die allesamt, wie jetzt ihr Vater und ihre Mutter, stramme Schweizer Bürger sind. Meine erhoffte, persönliche Begegnung mit dem heiligen Polenpapst kam zustande. Hätte nicht Papstfotograf Arturo Mari die Begegnung im Bild festgehalten, ich könnte mich kaum mehr an die Einzelheiten erinnern, so sehr flossen meine Freudentränen während der Begegnung mit dem Papst in Castelgandolfo. Meine Nervosität war derart, dass ich ihm bei der Kommunion versehentlich in den Finger gebissen habe, da sich mein Mund rascher schloss, als Karol Wojtyla ihn zurückziehen konnte. In der Folge kam es immer wieder zu kurzen Begegnungen mit diesem grossen Kirchenmann und die Freundschaft mit seinem Sekretär dauert bis heute, 34 Jahre danach. Hätte ich das Wegzeichen Gottes, den Treppenanstieg, aus berechtigter Sorge über meine eigenen Probleme schweigend beschritten, hätte mein Leben sicher eine andere Wendung genommen.

Gott spricht eine leise Sprache. Diese zu hören ist nicht immer leicht. Unsere Sorgen, die Überflutung durch die Medien und unser Drang nach ständiger Beschäftigung lassen die Anrufe Gottes oft überhören. Es sind Situationen, die wir erkennen und packen müssen, in voller Freiheit, einzig auf unsere innere Stimme hörend, aber auch oft provoziert durch äussere Umstände wie auch Begegnungen, die uns zugefallen sind. So erinnere ich mich an ein Schlüsselerlebnis, das mir in jenem Jahr ereilte, als ich begann mich einem geistlichen Weg zuzuwenden, lange bevor ich mich für meine «alte» Religion, den katholischen Glauben zu interessieren begann. Nach meiner eher kurzen aber erfolgreichen Karriere als Manager in einigen Schweizer Firmen, begann ich mit meiner Suche nach diesem unbekannten Gott, den ich damals keinesfalls im Christentum zu finden glaubte. Die östlichen Religionen hatten es mir angetan. Einer meiner Freunde war nach Indien gereist, um in einem Aschram beim damals populären Guru Bhagwan Sri Rajneesh Sex und Spiritualität zu erleben. Ich hatte versprochen ihm bald zu folgen. Doch es kam anders als ich dachte.

Irgendwie war von meiner Erziehung in einem katholischen Internat noch etwas übrig geblieben. Dieses Quäntchen Katholizismus hinderte mich daran die Reise nach Indien anzutreten, um meinen Guru zu suchen. In einem Pfarrblatt fand ich dann aber eine Tagung im Begegnungszentrum Mattli, das den Kapuziner gehörte. Ich ging hin und erlebte wieder seit Jahren den ersten Gottesdienst, der hier anstatt mit einer Bibellesung durch einem Text aus der hinduistischen Bhagavad Gita zelebriert wurde. Welch eine Freude für mich. Endlich hatte ich die innere Gewissheit gefunden, nun in den Fernen Osten fahren zu dürfen, um die Weisheit zu finden, nach der ich so strebte. Auf der Heimreise sass mir gegenüber im Zug ein eher unscheinbarer Kapuzinerpater, der abwechselnd die Umgebung betrachtete und in seinem Brevier betete. Es drängte mich diesem Gottesmann zu erklären, wie offen die Kirche heute geworden sei und dies ausgerechnet an einem Ort, der zu seinem Orden gehörte. Endlich klappte er sein Gebetsbuch zu und ich plapperte darauf los. Lächelnd nahm er meine Schilderung entgegen. Als ich ihm dann noch erklärte, dass ich demnächst nach Indien fahre, um meinen Guru zu suchen, lächelte er, ohne mir zu widersprechen. Er bemerkte einzig, dass er nächste Woche auch nach Indien fahre. Auf meine Frage, wo er denn wohne, sagte er mir: Rom. Dann platzte es aus mir heraus: «Dann sind Sie aber weit oben in der Hierarchie». Mit einem Lächeln erklärte er mir: «Bei uns herrscht keine Hierarchie. Bei uns herrscht Brüderlichkeit». Endlich hatte ich begriffen, dass ich mit diesem Mann kein vernünftiges Gespräch führen konnte und so schwieg ich vor mich hin, bis wir uns im Bahnhof von Luzern eher kühl verabschiedeten. Unerklärlicherweise war mir von diesem Tag an die Freude an meiner geplanten Reise vergangen. Das Gespräch ging mir nicht aus dem Kopf. Endlich traf ich einen anderen Franziskaner, den ich fragte, wer wohl mein so wenig gesprächiger Mitreisender gewesen sein konnte. Schmunzelnd erklärte mir der Kapuziner «Dies kann nur Pascal Rywalski gewesen sein, unser Generalminister, der oberste Chef unseres Ordens».

Es war wiederum ein Wegzeichen Gottes gewesen, dass Er mir ausgerechnet diesen Mann begegnen liess, der ohne ein einziges Wort der Missbilligung meines Ansinnens, meine Pläne schwinden liess. Irgendwie hatte ich verstanden, dass ich von meinem früheren Glauben wenig oder nichts verstanden hatte. Wie sollte ich dann in Indien einen Glauben finden, der mir noch ferner war als mein Kinderglaube? Von diesem Tag an begann ich mich neu zu orientieren, besuchte einen Glaubenskurs und beschaffte mir religiöse Bücher. In jener Zeit hatte ich auch vom Wirken von Mutter Teresa erfahren. Sollte ich vielleicht nach Kalkutta fahren, um meinen verlorenen Glauben neu zu finden? Die Zeit dazu sollte einige Jahre später kommen, aber nicht in Indien, sondern in Rom. Inzwischen hatte ich einen amerikanischen Arzt kennengelernt, der mich als ehemaliger Manager als Mitarbeiter in der Drogenrehabilitation gewinnen wollte. Ich fuhr mit ihm nach Berlin, wo ich das Projekt Synanon kennenlernte, eine Einrichtung für schwerstabhängige Menschen, deren Rettung vom Drogenkonsum nur durch eine extreme Arbeitstherapie und durch eine konfrontative Gruppentherapie ermöglicht wurde. Eine Zeitlang arbeitete ich in einer ähnlichen Einrichtung in der Schweiz, doch wirklich befriedigen konnte mich diese Arbeit nicht. Noch viel zu viel war ich mit mir selbst beschäftigt, mit meinen inneren Problemen, meinen Existenzängsten und mit einer Leere, die auch diese soziale Arbeit nicht befriedigen konnte.

Die Jahre gingen dahin. Ich traf häufig auf engagierte Katholiken, die mir ihren eigenen Weg erklärten, doch innerlich war ich noch nicht dazu bereit. Ich belegte die abendlichen Lesungen von Max Thürkauf, der mir mit seiner Gesellschaftskritik neuen Auftrieb und auch eine innere Bestätigung gab, weshalb ich meinen gut bezahlten Job in einer Kaufhauskette verlassen hatte. Einzig etwas störte mich an ihm, dass er ständig von diesem Jesus sprach, der meiner Auffassung nach, nichts und wieder nichts mit diesem sozialen Thema zu tun hatte. Auch die persönlichen Gespräche mit Thürkauf überzeugten mich nicht. Er aber hatte seinen Job als Professor der Physik aus echten Gewissensgründen aufgegeben und betonte immer und immer wieder, dass sein Glaube an Gott und eben an diesen Jesus ihm dazu geholfen habe neue Kraft zu finden. Dies mag für ihn gut gewesen sein, mir aber blieb dieser Glaube, den ich immer noch kritisch beobachtete, eher fern. Wie es bei mir zu einem Richtungswechsel kam, weiss ich nicht mehr. Es kam unerwartet, ohne Ankündigung, ohne ersichtlichen Grund. Er war einfach plötzlich da, der Glaube an den christlichen Gott. Merkwürdig, wie dies kam, fand ich damals. Aber eben, Gott scheint wirklich auch auf krummen Wegen unsere Lebensgeschichte schreiben zu wollen.

Als Kleinverleger hatte ich damals eine Audiokassette mit einem Text des Philosophen Karl Jaspers herausgebracht, ein Vortrag den er 1956 am Schweizer Radio hielt und in dem er auf die Gefahren der Atombombe aufmerksam machte. Sein Aufruf fand ein unerwartet grosses Echo, sodass er im Anschluss ein gewichtiges Buch mit dem gleichen Titel schrieb: «Die Atombombe und die Zukunft des Menschen». Meine erste Audiokassette blieb ein totaler, finanzieller Misserfolg, fand aber bei vielen Persönlichkeiten regen Anklang. Gräfin Marion von Dönhoff gratulierte mir in einem Brief und andere Menschen auch. Als ich dann hörte, dass der polnische Papst 1984 die Schweiz besuchen würde, nahm ich dies zum Anlass bei der Schweizer Bischofskonferenz um die Verlagsrechte nachzusuchen. Es klappte, mit jenen Schwierigkeiten, die ich später in Rom zu lösen hoffte und wo es dann wie oben genannt, zu der ersten Begegnung mit dem römischen Pontifex kam. Die Faszination, die dieser Gottesmann ausstrahlte, war umwerfend. Endlich schien ich einen neuen Weg gefunden zu haben, hin zu Gott und zu den Menschen. Dass dieser Weg sich dann später als Kreuzweg entpuppte, habe ich in vielen Artikeln und Schriften hinreichend erklärt. Hier möchte ich nicht mehr darauf eingehen, zu gross war der Schmerz, aber auch die Freude, dass ich aus all den Krisen rund um meine römischen Erfahrungen jenen Weg nach innen fand, den ich zeitlebens gesucht hatte. «Im Kreuz liegt das Heil» heisst es und dies gilt für jeden der Ihm folgt.

Als ich später eine Anstellung als Redaktor einer deutschen, katholischen Zeitschrift erhielt, hatte ich meine Berufung gefunden, wie auch später als freischaffender Journalist. Mein Forschertrieb liess mich meine Nase in vatikanische «Geheimnisse» stecken, die ich besser vermieden hätte. Meine Kritik an der Kurie und deren Verhältnis zu den amtierenden Päpsten hat mich Nerven und auch viel Geld gekostet. Aber auch diese habe ich überwinden können, mit dem Gebet und auch dank vieler Menschen, die mir auf diesem Weg geholfen haben, durch Informationen und auch durch finanzielle Unterstützung. Eines scheine ich gelernt zu haben: Gott schenkt in jede Zeit hinein jenen Papst, der für die Gegenwart wichtig und richtig ist, als Kapitän eines göttlich begleiteten Schiffes, das wider den Zeitgeist gesteuert wird, in den rauen Winden der Zeit. Dies ist der Beweis, dass Gott längst nicht tot ist und auch nicht in einer unerreichbaren Ferne teilnahmslos unser Leben beobachtet. Nein, Er ist mit uns und in uns, wie viele geistliche Persönlichkeiten es uns vorgelebt haben.

Endlich, nach vielen Jahren ergab sich für mich die Gelegenheit Mutter Teresa zu sehen. Wie gerne hätte ich mit ihr gesprochen. Doch es kam wieder einmal anders als ich dachte. In Rom erfuhr ich, dass die albanisch stämmige Ordensfrau einige ihrer Novizinnen in den Orden aufnehmen würde. Ich fand die Kirche wo dies stattfinden würde und nahm am Gottesdienst teil. Nie werde ich diesen Moment vergessen, wie dies Ikone der Christenheit tief gebückt in den Kirchenraum einzog. Mir gelang es nicht, meine Tränen zu unterdrücken, derart stark war die Ausstrahlung, die von dieser gebrechlichen Gestalt ausging. Und wieder erlebte ich eines dieser Wegzeichen Gottes. Eine junge Frau kam am Ende des Gottesdiensts auf mich zu und sagte mir, dass es schön sei einen Mann weinen zu sehen. Diese Frau war es, die mich kurze Zeit später in das Ordenshaus brachte, in dem die Ordensgründerin jeweils in Rom wohnte. Der jungen Frau und meinen Tränen verdanke ich meine erste Begegnung mit der späteren Heiligen und viele weitere sollten folgen. Ich durfte mit ihr ein Interview machen und sie fotografieren, wenn sie lachte und mit ihrer Umgebung scherzte. Ich durfte mit ihr im Auto durch Rom fahren und sie mit meinen Fragen bombardieren und einmal sie sogar im Grossraumflugzeug verabschieden, in dem sie kostenlos zu einem ihrer vielen Niederlassungen geflogen wurde. Nie vergesse ich den Tag, an dem ich und ein Freund in der Schweiz sie suchen mussten, da ein anonymer Spender zwei Millionen Schweizerfranken geben wollte und sie verboten hatte diese anzunehmen, denn sie wollte sicher sein, dass sich nicht ein Mensch damit den «Himmel erkaufen» wollte, mit schmutzigem Geld. Mir klingt noch heute ihre Stimme in den Ohren, wenn sie mit ihrem indisch klingenden Akzent sich für die kleinste Gabe bedankte und gleichzeitig jedem von uns verbat, je um Spenden zu bitten, entgegen all der Lügen, die über ihr finanzielles Wirken in den Medien verbreitet wurden. Die heilige Teresa von Kalkutta wurde für mich zu einer Lehrerin, als sie mir erklärte, dass es zwar gut sei einem Armen ein Almosen zu geben, aber dass es viel wertvoller sei, sich neben ihn zu setzen und mit ihm über seine Sorgen zu sprechen. Ich habe dies immer wieder versucht und die wenigen Male, bei denen ich es wirklich tat, Momente innerer Freude erlebt, die mir kein Vergnügen hätte schenken können. Als sie mich einmal bat, alles denkbar Mögliche zu tun, um HIV-Betroffenen zu helfen und zu beten, dass Gott die Forschung und Entwicklung von Medikamente für Aidskranke ermögliche, wusste ich, dass sie diese Krankheit nicht als «Strafe Gottes» betrachtete, sondern als Aufruf zu aktivem Handeln zu Gunsten der Betroffenen.

Ich könnte noch Dutzende von Begegnungen darlegen, die ich als Wegzeichen Gottes erfahren habe. Sie waren es, die in mir in Augenblicken der Trauer neuen Mut gaben, Ihn als meinen Retter zu erkennen. Gott ist wirklich nicht tot. Er lebt tatsächlich, in und um uns. Dank sei Gott!

Manfred Ferrari, Juli 2018 

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