Das Drama des 2. Vatikanischen Konzils

Eberhard von Gemmingen SJ

Heute wünschen sich viele engagierte Katholiken einen neuen Aufbruch. Sie erinnern dabei an den – wie man so sagt – „Aufbruch“ nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Den damaligen viel beschworenen „Aufbruch“ kann man nur verstehen, wenn man einiges über die geistes-, kirchen- und weltgeschichtliche Situation nach dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung ruft. Das möchte ich zunächst versuchen.

Das Konzil sollte nach dem Wunsch von Papst Johannes XXIII. vor allem ein Pastoralkonzil sein, also der Seelsorge dienen und der Verbreitung des christlichen Glaubens. Die meisten früheren Konzilien hatten sich im Gegensatz dazu meist mit abweichenden Glaubenslehren befassen müssen. Das war beim 2. Vatikanum nicht nötig. Aber Papst Johannes XXIII. wollte einen neuen apostolischen Impuls für die Welt nach dem 2. Weltkrieg, für die moderne Welt, in der der christliche Glaube offenbar eine immer geringere Rolle spielte.

Viele Dokumente des 2. Vatikams sind auch hauptsächlich apostolische Anstöße, Ermutigungen, auch ein paar Klärungen subtiler theologischer Fragen. Tatsächlich brachte das Konzil einen neuen lebendigen Wind in die Kirche. Dies stellte kein geringerer als der Konzilstheologe Josef Ratzinger schon am Ende der dritten Konzilssession fest. Wörtlich sagt er in einem Vortrag: „Man darf heute schon sagen, dass das Konzil den Wunsch Johannes XXIII. erfüllt hat, einen Sprung nach vorne zu sein, ein Fenster zu öffnen, durch das frische Luft in die Kirche kommt.“ (S.39)

Die damals und heute am meisten diskutierten Dokumente aber sind Antworten auf geistige Fragen der Zeit, also nicht so sehr pastoral, sondern eher Antworten auf geistige Zeitfragen, Fragen der Moderne. Denn das Konzil musste antworten auf neue Fragen, die sich im Lauf der Jahrhunderte angestaut hatten: Wie steht die Kirche zur Glaubens- und Gewissensfreiheit, wie ist ihr Verhältnis zum Staat, zur staatlichen Gewalt, wie steht sie zur Aufklärung, das heißt zu den Entdeckungen der Naturwissenschaft und auch der Exegese, wie steht die katholische Kirche zu den anderen christlichen Konfessionen und Kirchen, wie steht die Kirche zu den anderen Religionen, vor allem zu den Juden?

Die meisten dieser Fragen hatten mit der Aufklärung, mit der Entwicklung der modernen Philosophie und Theologie zu tun. Und hier etwas ganz Entscheidendes: Die geistige Entwicklung in Aufklärung, Philosophie und Theologie war vor allem von Denkern französischer, englischer und deutscher Sprache gekommen. Ich wage zu sagen: bis zur Renaissance war die geistige Entwicklung südlich der Alpen vorangegangen, in Italien, Spanien und Portugal. Mit der Reformation wanderte die geistige Entwicklung Europas in den Norden und ging dann vom Norden aus.

Es kommt dazu, dass diese geistige Entwicklung auch zusammenhängt mit den Mentalitäten der Völker. Und diese scheinen mir auch langfristig ziemlich verschieden. Auch das muss ich später genauer erklären. Und drittens kann man auch sehen, dass die Leitung der Weltkirche in den letzten hundert Jahren auch ziemlich stark von der Reaktion des jeweiligen Papstes auf die geschichtliche Situation abhängt. Und diese Reaktion wird auch durch seine Frömmigkeit, Denkweise, seine Persönlichkeit geprägt. Also es ist ein Irrtum wenn man meint, ein Konzil habe hauptsächlich mit Theologie zu tun, sei hauptsächlich eine Sache des Glaubens und der Vernunft. Nein, es hat auch sehr viel mit Persönlichem, mit Mentalitäten und mit Geistesgeschichte zu tun.

Ich möchte diese Einführung zusammenfassen in der Behauptung:

Im 2. Vatikanum hat sich die katholische Kirche mit den Früchten der Aufklärung, der philosophischen und theologischen Entwicklung auseinandergesetzt und sie teilweise übernommen. Heute hat man manchmal den Eindruck, die Kirche habe diese Entwicklungen zwar auf dem Papier angenommen, aber sich doch nicht ganz zu Eigen gemacht.

Meine persönliche Konzilserfahrung und das kirchliches Leben vor dem 2. Vatikanum.

Nach dieser ersten Einführung mache ich nun einen Sprung.

Auf die Frage, wie ich selbst diesen Aufbruch erlebt habe, kann ich

nur sagen: Ganz persönlich habe ich es nicht so dramatisch erlebt wie es andere Mitbrüder erlebten. Bei Konzilsbeginn war ich als Präfekt in St.Blasien Leiter der Marianischen Kongregation, der Schülerwerkstatt und der Filmabteilung. In den zwei weiteren Jahren war ich zwei Jahre lang Präfekt einer Abteilung von rund 60 siebzehnjährigen Buben. Mitbrüder, die um mich waren, haben viel intensiver die Berichte in der FAZ aus Rom verfolgt. Mich hat Rom noch nicht bewegt.

Aber bei dem Rückblick möchte ich vor allem Jüngeren erklären, wie das kirchliche Leben für einen Normalkatholiken vor dem Konzil aussah. Vermutlich ist es nicht so leicht zu verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wohlgemerkt: Vor dem Konzil war keineswegs alles dumm und schlecht, was heute manche so anklingen lassen. Um es ganz persönlich zu gestalten: Im Jahr 1950 haben meine Großeltern Drechsel ihre Goldene Hochzeit gefeiert. Am Vorabend haben wir Kinder Scharaden vorgeführt, kamen nach Mitternacht zu Bett, beim Zähneputzen habe ich aus Versehen Zahnpasta verschluckt, lief zu meiner Mami: um Gottes willen, ich kann morgen nicht zur Kommunion gehen, denn ich bin nicht nüchtern. Nüchternheit war verlangt ab Mitternacht. Mami war gut infomiert: sie erinnerte an eine Nachricht aus Rom: Weil wir etwas westlich von Rom liegen, ist Mitternacht bei uns erst 20 Minuten später als in Rom. Also bist du nüchtern. Dies Beispiel soll zeigen, wie anders die Uhren gingen. Viele kirchliche Details waren genauestens rechtlich geregelt, man hielt sich dran. Übertretungen waren oft schwere Sünde, also Voraussetzung in die Hölle zu kommen. Ich will die Zeit nicht schwarz malen, aber man muss es sagen, damit man viele Entwicklungen leichter versteht. So war natürlich die Sonntagspflicht ein Gebot, bei Nichtbefolgung galt schwere Sünde, im Zweifelsfall Hölle. Für Priester und Ordensleute galt: das Auslassen einer Hore des Tagesgebetes war schwere Sünde, viele Rubriken der Messe waren geboten unter schwerer Sünde. In St. Blasien gingen alle Buben täglich in die Messe. Noch als Präfekt musste ich täglich meine Buben etwa 6.00 für die Messe wecken, kontrollieren, ob alle da waren. Dort haben wir viel gesungen. Aber bei der normalen Messe haben fromme Katholiken die Texte im Schott-Messbuch nachgelesen, weil der Priester sie ja auf Latein leise betete. Es war fromm und geheimnisvoll. Man wohnte einem Mysterium bei. Irgendwann wurde eingeführt, dass die Lesungen nach der lateinische Verlesung durch den Priester von einem Laien auf Deutsch vorgelesen wurden. Einen Schott hatten natürlich nur die etwas gebildeten, besseren Leute. Viele Normalkatholiken haben Rosenkranz gebetet oder eben irgendwie privat gebetet. Man nahm an der Messe teil, aber von einem eigentlichen Mitfeiern war nicht so sehr die Rede. Jeder Priester musste persönlich täglich die Messe feiern. Daher gab es an Orten wie St. Blasien viele stille Messen an Seitenaltären, wo Buben ministrierten. Erst mit dem Eucharistischen Kongress 1960 in München hat sich die Konzelebration durchgesetzt.

 

Gleichzeitig schauten gerade wir deutsche Katholiken voll Dank und Freude nach Rom zu Papst Pius XII. der auch zur Nazizeit zu Deutschland gestanden war. Ich fuhr mit dem Pilgerzug von St. Blasien im Heiligen Jahr 1950 nach Rom und habe Papst Pius in Castel Gandolfo zugejubelt. Die katholische Welt schien in Ordnung. Zudem war Deutschland im Wiederaufbau und auch im Wirtschaftswunder, freilich auch geplagt durch Schuldbewusstsein, bedroht durch den Kommunismus, auseinander gerissen zwischen denen die nur mit den USA sprechen wollten und denen, die auch mit Moskau Dialog suchten.

Im kirchlichen Untergrund, das heißt vor allem bei den Theologieprofessoren begann es aber zu brodeln. Es kamen immer mehr Zweifel auf, ob denn das Kirchenleben so genau den Vorstellungen Jesu entspricht. Vor allem suchten hervorragende Theologen und katholische Vordenker wie Romano Guardini und Pius Parsch im Norden Europas nach der richtigen Form der Eucharistiefeier.

Auch in der Theologie brodelte es. Die Fragen lauteten etwa: Wie steht man zur Evolution der Schöpfung, zur Evolution, zu Darwin, wie steht man zu den vor allem von Protestanten vorgetragenen Thesen zur Entstehung der Bibel, zu ihrem historischen Wahrheitsgehalt. Wie kann man heute die Menschwerdung Gottes verstehen und erklären? Die Erlösung durch Christus? War die Erlösung nur auf die getauften Katholiken beschränkt, wie heilswirksam sind die nichtkatholischen Gemeinschaften? Einige Professoren der Theologie vor allem aus Frankreich, Deutschland, Österreich, den USA hatten aus Rom Lehrverbote, das Vertreten von gewissen theologischen Positionen war verboten. Gerade Theologieprofessoren in Rom hatten es schwer, sie vermieden einfach Aussagen durch die sie in Gefahr kamen vom heiligen Ufficium verurteilt zu werden. Vor allem die Evolutionslehre war umkämpft, aber Streit gab es auch in der Exegese. Teilhard de Chardin war ein Musterbeispiel für einen Vordenker, dessen Lehren verboten waren. Vermutlich fragten sich aber auch viele Christen, ob denn wirklich diese vielen Verbote im Zweifelsfall in die Hölle führen können. Konkreter ging es auch um die Frage: wie muss die katholische Kirche mit den Christen in anderen Kirchen umgehen, darf man zusammen beten? Oder gilt für sie ihr Gewissen? Und überhaupt: welche Rolle spielt für den Katholiken das Gewissen, darf er sich auf sein Gewissen berufen gegen die kirchliche Autorität, ist das nicht schon Abfall vom wahren Glaubensgehorsam? Und wie muss man die Anhänger anderer Religionen sehen, wie muss man ihre Religionen bewerten, darf man mit ihnen sprechen, mit ihnen zusammenarbeiten, muss man sie nicht so schnell wie möglich taufen? Haben Anhänger anderer Religionen eine Chance in den Himmel zu kommen? Wie stehen Katholiken zu den Juden? Sind Juden wegen der Ablehnung Jesu auf ewig verworfen, darf man mit ihnen einen Dialog führen – freilich mit der Zielsetzung sie möglichst schnell zu taufen. Und wie steht es mit den Muslimen, die ja auch den einen und einzigen Gott anbeten, was haben wir mit ihnen gemeinsam? Und überhaupt die Kirche: Ist sie primär für ihre Mitglieder da oder auch für die Anderen. Und wer ist Kirche, sind es nur die Bischöfe mit dem Papst oder auch die Priester, oder gar auch die Laien. Wer ist Kirche? Was ist die Aufgabe von Kirche?

Natürlich stellten sich diese Fragen im Grunde schon seit Jahrhunderten, aber sie kamen auf durch die Entwicklung der Theologie in der katholischen Kirche, auch durch die Theologie in den Kirchen der Reformation, durch die beginnende Globalisierung. Durch die langfristigen Wirkungen der Aufklärung wurden die Fragen immer drängender. Die Menschen, erst recht die Fachtheologen hatten auch immer mehr Mut, Fragen zu stellen, die die meisten von ihnen vielleicht viele Jahre verdrängt hatten oder die im Drama der Stalin und Hitlerzeit und des 2. Weltkrieges eben untergingen, für die kein Platz war. Im Grunde genommen haben Kirchengegner, angefangen von Bismarck dem Zusammenhalt der Katholiken gedient.

Kurz unter Pius XII. bildete sich ein geistiger Reformstau. Und hier öffnete Papst Johannes XXIII. eben – wie man sagt – die Fenster und ließ frischen Wind in die Kirche hinein.

Es wäre ein großer Fehler, wenn man annähme, in der katholischen Kirche sei bis zum 2. Vatikanum alles schlecht gelaufen. Im Gegenteil, vieles ist sehr gut gelaufen, aber die Fragen der Zeit drangen eben in die Kirche ein, man musste sich ihnen stellen, sie beantworten. Unter Pius blieben sie liegen oder wurden repressiv behandelt. Unter Johannes durfte über sie offen gesprochen werden. Der Konzilsanfang erinnerte ein bisschen an einen Aufstand einer Basis gegen die Spitze. Diese Basis waren nicht etwa revolutionie-rende Laien. Mit Basis meine ich etwa auch Bischöfe oder Kardinäle von der Front.

Der Konzilstheologe Ratzinger erklärte in einem Vortrag nach der 3. Konzilssitzung wörtlich: „Vielleicht darf man sagen, die Überwindung einer trägen Euphorie, die alles wohl geordnet glaubte, und das Aufdecken der schwelenden Probleme sei die erste große Aufgabe des Konzils gewesen.“ (16)

Die Basis wurde bei Konzilsbeginn repräsentiert durch Kardinal Frings von Köln, dessen persönlicher theologischer Berater Josef Ratzinger war. Es war zu Konzilsbeginn bei der Wahl der Mitglieder der Konzilskommissionen. Die Leute im Vatikan hatten einen Vorschlag dafür erarbeitet und die Konzilsteilnehmer wurden aufgefordert, diesen Vorschlag anzunehmen, zu unterzeichnen. Frings stand auf und schlug vor, sich erst einmal kennen zu lernen und ein paar Tage über die Zusammensetzung der Kommissionen zu beraten, dann erst abzustimmen. Dieser Vorschlag wurde mit großem Applaus angenommen, die Römer wurden überstimmt. Ein kleiner Vorstoß in Richtung des Ernstnehmens der Bischöfe aus aller Welt. Nicht der Vatikan allein sollte das Konzil bestimmen, sondern die Apostelnachfolger.

Es kam dazu: Alteingesessene Kardinäle am Vatikan waren skeptisch gegen die Öffnung durch Johannes. Sie wollten ein kurzes Konzil, in dem bisher schon geklärte Ansichten bestätigt werden sollten. Vor allem die Konzilsteilnehmer aus dem Norden erzwangen ein anderes Vorgehen und brachten dann vor allem die modernen Fragen ins Konzil ein: Ökumene, Religionsdialog, Religionsfreiheit, Frage der Laien. Es ging durchaus streitig zu. Johannes XXIII. war ja nach einem Konzilsjahr gestorben. Das Konklave wähle Papst Paul VI.

Zur Geistesgeschichte, die im Konzil verarbeitet werden musste.

Die umstrittensten und wegweisendsten Erklärungen des 2. Vatikanischen Konzils waren vor allem von Denkern aus Frankreich, England und dem deutschen Sprachraum vorbereitet worden, waren lang herangereifte Früchte aus dem Geist der Aufklärung, der modernen Philosophie, Theologie und Liturgiewissenschaft. Es sind die Erklärungen über die Ökumene, die anderen Religionen, die Religionsfreiheit und über Kirche in der Welt von heute.

Ich muss das kurz erklären: mir scheint: Die Aufklärung wuchs im französischen, englischen und deutschen Sprachraum. Aufklärung bedeutet: Glaube und Vernunft müssen zusammengehen. Das ist auch die Position von Papst Benedikt. Glaube muss erklärt, gerechtfertigt werden, Vernunft darf nicht ausgeschaltet werden, der Glaubende hat die Pflicht seine Glaubensüberzeugungen dem Fragenden zu erklären. Er muss Rechenschaft geben können von seinem Glauben. Eine Frucht der Aufklärung ist auch die Letztautorität des Gewissens. Der Mensch darf nicht gegen seinen Gewissensspruch handeln. Und Aufklärung verlangt im Ansatz Trennung von Kirche und Staat. Den Staat geht der religiöse Glaube nichts an.

Auf dem Hintergrund der Aufklärung entwickelte sich vor allem im deutschen Sprachraum die moderne Philosophie. Zwei herausragende Vertreter sind die Germanen Kant und Hegel. Vor allem aber die Theologie der Moderne wurde von Denkern französischer und deutscher Zunge entwickelt. Einige von ihnen hatten unter Papst Pius Lehrverbote, so auch Karl Rahner und ein paar Franzosen. Unter den deutsprachigen Theologen nenne ich außer ihm noch Hans-Urs von Balthasar, Josef Ratzinger, Hans Küng. Sie wurden geistig begleitet von den Evangelischen Karl Barth und Rudolf Bultmann.

Josef Ratzinger zählt in dem genannten Vortrag die Hauptpunkte auf, mit denen sich das Konzil befassen musste:

  1. Die Gestaltung des Gottesdienstes

  2. Der Zentralismus in der Kirche

  3. Die Beziehungen zu den Nicht-Katholiken, also die Ökumene

  4. Verhältnis von Kirche und Staat, Ratzinger nennt es wörtlich: Ende des Mittelalters, Ende der Konstantinischen Ära.

  5. Verhältnis von Glaube und Wissenschaft, Glaube und Geschichte

  6. Ethos der Arbeit, die Technik, ethische Fragen aufgrund der Entwicklungen in der Technik.

Man kann durchaus sagen, dass im 2. Vatikanum ein Nord-Süd-Konflikt ausgetragen wurde. Die Vordenker des Nordens vor allem aus Frankreich und dem deutschen Sprachraum setzten sich durch.

Die Bischöfe und Kardinäle aus Afrika und Asien spielten eine relativ geringe Rolle, aber auch Lateinamerika war noch nicht so präsent wie etwas später vor allem durch die Kardinäle Lorscheider und Arns. Nordamerika spielte für das Dokument über die Religionsfreiheit eine ziemlich große Rolle. Der Grund für die römische Zurückhaltung gegenüber Religionsfreiheit lag wie mir scheint vor allem darin, dass eben Kirchengegner die Idee der Religionsfreiheit vertreten hatten. Römische Theologen sagten: Nicht-Katholiken haben die Freiheit, Christen zu werden, Christen haben nicht die Freiheit, vom Glauben zurück zu treten.

Neben der Geistesgeschichte, die ja ein Prozess, eine Bewegung ist, gibt es auch die verschiedenen Mentalitäten der Völker. Meiner Ansicht nach sind die Mentalitäten im Unterschied dazu relativ gleichbleibend, stabil. Auch auf die Gefahr hin missverstanden zu werden und zu oberflächlich zu sein, scheint mir dass die Angelsachsen eine pragmatische Grundmentalität haben. Es gilt das Faktische, es gelten die Tatsachen, Ideen und Ideale muss man zwar haben, muss es geben, aber für das Leben zählen die Fakten. Die Slaven scheinen mir grundlegend zu einer Mystik zu neigen. Das zeigen primär ihre Gottesdienste. Ihre Theologie hat sich seit 1600 Jahren nicht weiter entwickelt. Sie haben nicht das Bedürfnis, das Glaubensbekenntnis mit der Vernunft zu konfrontieren. Aufklärung ist nicht nötig. Die Romanen, vor allem die Römer haben zwar das Recht hoch entwickelt. Da aber das Leben auch zählt, müssen Kompromisse geschlossen werden. Man muss den Spagat zwischen Theorie und Praxis schaffen. Weil ihnen das immer wieder gut gelingt, nenne ich sie flexibel.

Im Unterschied dazu sind wir Germanen unflexibel. Wir schauen auf Ordnung und Prinzipien. Wir hängen sie höher als andere. Wir haben eine besondere Sensibilität dafür, ob Systeme stimmen. Daher sind wir im Autobau ziemlich gut, in der Wirtschaft zuverlässig, vor allem in der Buchhaltung, auch in der Politik gibt es weniger Korruption als anderswo. Und wir sind in der Theologie sehr penibel. Wir nehmen auch die Theologie sehr ernst. Daher hat unser Landsmann Martin Luther die falsche Theologie des Ablasses von Herrn Tetzel nicht durchgehen lassen. Luther störte das Lotterleben in Rom nicht so sehr, wohl aber die falsche Theologie des Ablasses, dass man das ewige Leben mit Geld erkaufen kann. Das ist eine typisch germanische Reaktionsweise. Man hätte den Ablass auch einfach links liegen lassen können. Germanische Theologen tun so etwas nicht. Die Angelsachsen sind wegen einer Ehescheidung von Rom abgefallen. Deutsche trennten sich anfangs wegen einer falschen Theologie.

Was Romanen unter einen Hut bringen, geht bei Germanen nicht. Und mir scheint die Trennung zwischen Ostkirchen und Rom ist auch zu einem guten Teil eine Frage der Mentalität. Theologisch trennt uns wenig.

Wir sprachen über die Geistesgeschichte mit Aufklärung, moderner Philosophie und Theologie und nun über Mentalitäten. Natürlich hängt beides auch zusammen. Aber mir scheint im Konzil flossen einerseits die Früchte der geistigen Geschichte in der Kirche zusammen. Andererseits stießen sich auch die Mentalitäten.

Andere mögen von Machtkämpfen sprechen. Mir gefällt dies Wort nicht so, weil Machtgier ja immer etwas Unmoralisches ist. Ich möchte anderen nicht so etwas unterstellen. Aber hinter den scheinbaren Machtkämpfen stehen ja eben geistige Entwicklungen und Mentalitäten. Es treffen aufeinander unterschiedliche Sichtweisen, Theologien, Erfahrungen und Mentalitäten.

Und außer der geistigen Entwicklung und den Mentalitäten der Völker gibt es auch noch die Persönlichkeit der Päpste. Sie wird geprägt durch geschichtliche Erfahrungen, durch Herkunft, Bildung, Theologie und Frömmigkeit.

Betrachten wir einfach Papst Pius XII. und Johannes XXIII. Bei Pius kam es zum theologischen Reformstau, weil er primär gegen Kirchenfeinde Stellung zu nehmen hatte. Neben Hitler und Stalin waren es moderner Liberalismus, eine kirchenfeindliche Naturwissenschaft und Wissenschaft allgemein. Er fühlte sich berufen, den hergebrachten Glauben zu verteidigen einerseits gegen Evolutionslehren, die ihm mit dem Glauben unvereinbar schienen, und gegen Strömungen in der Exegese. Seine Handhaltung war Abwehr.

Die Handhaltung von Johannes XXIII wäre Umarmung. Er hatte erlebt, dass die Konfrontationshaltung von Pius nicht viel gebracht hatte. Er war dem Volk näher, weniger intellektuell, fühlte mit den Menschen, war weniger distanziert. Seine geschichtliche Lage war anders, daher konnte er anders handeln.

Von heute aus gesehen ist das Thema Ökumene sicher eines der wichtigsten Themen des Konzils gewesen. Weil die Reformation nördlich der Alpen ausgebrochen war, weil in Mitteleuropa die Hälfte der Bevölkerung evangelisch war, drängte sich die Frage der Einheit natürlich besonders auch dem Norden auf. Für den Süden war sie nahezu irrelevant. Die Frage bedeutet ja auch: welche Bedeutung hat die evangelische Kirche für ihre Mitglieder, die in sie hineingeboren sind? Ist die Kirche heilswirksam für ihre Glieder oder irrelevant? Ratzinger sagte: „Man kann überhaupt sagen, dass die gesamte konziliare Arbeit gleichsam auf das ökumenische Problem  hin gravierte.“ Und weiter sagt er: „Eine Leitlinie aller Arbeit des Konzils bildet: das neue Ernstnehmen aller Fragen der getrennten Brüder, die Bereitschaft, die Fehler der Vergangenheit zu sehen, zu bekennen und gut zu machen; der Wille alles zu hindern, was der Einheit im Wege steht.“ Die Ökumenefrage – gerade auch der Ökumene mit den Ostkirchen  - verlangt daher auch, dass das Konzil sich kritisch auseinandersetzte mit der Rolle des Papsttums. Wegen der Ökumene wurde der Text über die Gottesmutter Maria in die Erklärung über die Kirche aufgenommen, Maria sollte als Mitglied des Volkes Gottes gezeigt werden und nicht als ein Gegenüber zum Volk Gottes so wie Christus. Einige Kardinäle kämpften heftig gegen die Vorstellung Maria sei Miterlöserin, was vor allem auch dem europäischen Süden verlangt wurde.

Ein anderer Knackpunkt des Konzils war die Religionsfreiheit. Es ging dabei um die Frage, ob nur Nicht-Katholiken die Freiheit haben müssen katholisch zu werden oder ob man auch von Religionsfreiheit derer sprechen kann, die sich schon einmal für Christus entschieden haben. Hierzu sagte der Konzilstheologie Ratzinger Vieles und Wichtiges: „Die Debatte über die Religionsfreiheit wird man in späteren Zeiten wohl zu den wichtigsten Ereignissen des Konzils rechnen, das freilich an wichtigen Geschehnissen reich genug ist, um Abstufungen schwierig zu machen. Diese Debatte stand, um das vorhin zitierte Schlagwort noch mal aufzugreifen, das Ende des Mittelalters, ja das Ende der konstantinischen Ära in der Peterskirche. Wenig hat der Kirche in den letzten hundertfünfzig Jahren so sehr geschadet wie das zähe festhalten an überlebten staatskirchlichen Positionen. Der Versuch, den durch die moderne Wissenschaft bedrohten Glauben mit Mitteln staatlicher Protektion zu schützen, hat diesen Glauben erst recht von innen ausgehöhlt und ihn vielfach an der nötigen geistigen Regeneration gehindert. Er hat die Vorstellung der Kirche als Feind der Freiheit gefördert, die Wissenschaft und Fortschritt, die Produkte der menschlichen Geistesfreiheit zu fürchten habe, und es ist eine der mächtigsten Wurzeln des Antiklerikalismus geworden…. Die Verwechslung des Glaubens an die in Christus erschienene, absolute Wahrheit mit einem absoluten innerweltlichen Rechtsanspruch der eigenen Institution und der Unfähigkeit, über die eigene Glaubenssituation hinaus die Situation des anderen zu verstehen, der nicht an einem ihm fremden Maß gemessen werden darf, waren seit Jahrhunderten zu einer zählen Denkgewohnheit geworden, welche die kirchliche Lehre von dem Verhältnis des Staates zur Kirche bis zur Stunde geprägt hat.“

Und weiter weist Ratzinger auf etwas hin, was mich persönlich besonders bewegt, weil ich meine, dass es heute in der Kirche Grund eines andauernden Problems ist: Ratzinger sagte: „Der italienische und der spanische Episkopat, noch unter dem Schutz staatlicher Protektion lebend, hat von diesen Ideen her argumentiert, wobei man die Redlichkeit der Sorge vor Sekten gar nicht leugnen muss. Der US-amerikanische Episkopat ist erstmals auf dem Konzil in breiter Front zum Angriff angetreten hat die Führung der anderen Seite übernommen. Ihm schloss sich der angelsächsische Episkopat, sowie die Bischöfe der Missionsländer und ein Teil der Lateinamerikaner an. Frankreich sekundierte dem Kardinal aus Chile. Beide Seiten waren einer redlichen Gewissensüberzeugung gefolgt. Aber es ist klar, dass die Verneiner des Textes über die Religionsfreiheit nicht die Gewissensfreiheit, aber die Kultfreiheit ablehnten. Sie kämpften für eine zusammenstürzende Welt. Die andere Seite gab den Weg für die Zukunft frei. In einer entscheidenden Stunde des Konzils war die inenre Führung von Europa fort an die jungen Kirchen Amerikas und der Missionsländer übergegangen.“(33/34)

Ich habe von einer der sichtbarsten Früchte des 2. Vatikanums noch nicht gesprochen: über die Liturgiereform. Die Liturgiereform ist weitestgehend eine Frucht von Vordenkern und Vorbetern aus dem Norden Europas. Man muss nur erinnern an die Klöster und Kirchen, in denen jahrelang nach einer vertieften liturgischen Feier  gesucht wurde: Es war Mecheln, Maria Laach, Beuron, Kloster Neuburg. Entscheidende Namen waren Pius Parsch und Romano Guardini. Sie alle suchten einen Weg, damit alle Getauften an der Liturgie auf je ihre Weise teilnehmen. Messe sollte nicht eine Sache der Priester bleiben. Aktive Teilnahme aller Getauften an der Feier wurde gesucht. Der Getaufte sollte verstehen und mitfeiern.

Zu den Hintergründen der Liturgiereform sagte der Konzilstheologe Ratzinger nach der dritten Konzilssitzung Folgendes wörtlich: „Das Geschick der abendländischen Liturgie war an eine streng zentralistisch bestimmte und rein bürokratisch arbeitende Behörde gebunden, der es gänzlich an historischem Blick gebrach und die das Problem der Liturgie rein rubrizistisch-zeremoniell, sozusagen als Ordnungsproblem der Hofetikette des Heiligen ansah. Diese Bindung bewirkte im Folgenden eine völlige Archäologisierung der Liturgie, die jetzt aus dem Stadium lebendiger Geschichte in dasjenige der reinen Konservierung überführt und so zugleich zum inneren Absterben verurteilt war. Die Liturgie war zu einem ein für alle Mal abgeschlossenen, fest verkrusteten Gebilde geworden, das den Zusammenhang mit der konkreten Frömmigkeit umso mehr verlor,  je mehr man auf die Integrität der vorgegebenen Formen achtete.“ Ratzinger fügt dann an, dass etwa Ignatius, Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz ihre Spiritualität außerhalb der offiziellen Liturgie gefunden hätten, nur aus der individuellen Begegnung mit Gott. Die Barockzeit habe dann über der Messe einen Pomp gebreitet und sie so interessant gehalten. An gewöhnlichen Tagen feierte man über der Messe eine Andacht. Papst Leo XIII. noch habe empfohlen, den Oktoberrosenkranz während der Messe zu beten. Wörtlich Ratzinger: „Während der Priester seine archäologisch gewordene Liturgie abwickelte, betete das Volk seine Marienandacht.“ (19/20)

Auf diesem Hintergrund kann man verstehen, dass gerade in den Klöstern danach gesucht wurde, wie Christus das Abendmahl wünschte. Es ging vor allem darum, dass die Messe wirklich eine Feier des Volkes Gottes wurde. Man erinnere sich auch, dass bis zum 2. Vatikanum viele nur zweimal im Jahr die Kommunion nach jeweiliger Beichte empfingen. Oft kommunizierten nur „fromme Adelige“.

Nun gibt es ja die Ansicht, der Rückgang des Glaubens und Kirchenlebens sei eben schuld des 2. Vatikanums. Weil man damals dem Trend der Zeit nachgegeben habe, hätten sich die Kirchen geleert, meinten viele Katholiken einfach ihrem Gewissen folgen zu können, wüssten gar nicht mehr, was der Glaube lehre und was er verlange, sähen die kirchlichen Gebote als willkürlich an. Ich halte das für einen Irrtum. Der Rückgang des Glaubenslebens ist Folge der Säkularisierung, nicht Folge des Konzils. Die Menschen haben sich vom traditionellen Kirchenleben entfernt, emanzipiert. Früher sind eben sehr viele Menschen einfach nur mit gelaufen, heute kann und muss man sich entscheiden. Weil die katholische Kirche begann, ihre Prinzipien der Religions- und Gewissensfreiheit ernst zu nehmen, haben die Menschen daraus die Folgen gezogen.

Die Liturgiereform war eine der sichtbarsten Erscheinungen des 2. Vatikanums. Alle, die am Gottesdienst teilnahmen, konnten erleben, dass sich etwas geändert hat. Um es direkt zu sagen: Wir Priester haben meiner Ansicht nach manchmal zu viel Beliebigkeit in die Messe eingeführt, wir haben Fehler gemacht und Menschen verärgert die den Eindruck hatten, hier werde nicht mehr die eben heilige Messe der katholischen Kirche gefeiert. Aber Beliebigkeiten der Priester in der Liturgie waren nicht die Hauptsache. Man darf sie nicht so hinstellen, als seien sie das Normale gewesen. Und um es ebenfalls deutlich  zu sagen: heute gibt es in der Jugend eine interessante Hinwendung zum Sakralen, zu Strengen.  Ratzinger hatte damals die Frage gestellt: „ In den Hoffnungen und Fragen, die die Liturgiereform einschließt, sind zugleich entscheidende Hoffnungen und Fragen der Kirchenreform überhaupt vorweggenommen: Wird es gelingen, den Menschen von heute neu in Beziehung zur Kirche und durch sie hindurch neu in Beziehung zu Gott zu setzen?“ (22)

Nach diesem Rückblick möchte ich mich jetzt abschließend den heutigen Fragen stellen. Viele engagierte Katholiken beklagen ja den Stillstand, hoffen auf einen neuen Aufbruch. Sie fordern dazu: Freiwilligkeit des Zölibats, Priesterweihe für Frauen, oder wenigstens Weihe von Frauen zu Diakoninnen, schnellere Fortschritte in der Ökumene, großzügige Zulassung von geschiedenen Wiederverheirateten zur Kommunion, anderer Umgang mit Mischehepaaren. Etwas subtiler ist die Forderung, dass die Bischöfe aufgewertet und der Zentralismus Roms abgebaut wird.

Meine Stellungnahme dazu: Auch wenn all diese Wünsche erfüllt wären, würde dies das eigentliche Problem beider Kirchen nicht lösen, denn das schwerste Problem ist die Weitergabe des Glaubens. Sie gelingt nicht mehr so wie sie durch Jahrhunderte gegangen ist. Seit Jahrhunderten sind die Europäer in den christlichen Glauben hineingewachsen ohne viel dabei zu tun. Es ging wie bei Familie und Volk. Das ist vorbei. Die evangelische Kirche hat die Wünsche der engagieren Katholiken erfüllt, besser geht es ihr nicht, eher schlechter. Vielleicht müsste man aus sachlicher Richtigkeit einige der genannten Wünsche erfüllen. Das durchaus. Ich komme gleich drauf. Aber dadurch allein entstünde keineswegs von selbst ein großer Zulauf zu – wohlgemerkt – die beiden Kirchen. Heute ist Entscheidungschristentum gefordert. Man wächst nicht mehr von selbst hinein.

Zu den einzelnen Fragen: Der Priestermangel wird m.E. in Mitteleuropa am allermeisten gespürt. In vielen Weltteilen kennt man es nicht anders. Weil dies so ist, fände ich es nötig, dass die Bischöfe Mitteleuropa in Rom den Papst ersuchen, dass gemeinsam noch einmal über den Pflichtzölibat nachgedacht und gemeinsam um eine Lösung gebetet wird. Es müsste ein geistlicher Suchprozess für die Frage beginnen. Rom sagt ja: Der Zölibat ist eine jahrhundertelang bewährte Einrichtung, eine Gnade Gottes an die Kirche, die man nicht aufgeben darf, wenn es mal Schwierigkeiten gibt. Zudem hat sich eine Welt-Bischofssynode vor wenigen Jahren für den Pflichtzölibat der Priester ausgesprochen. Dies muss ja nicht für immer und für alle Weltteile das letzte Wort sein. Vielleicht kann man für Mitteleuropa eine spezielle Lösung wie für die mit Rom unierten Kirchen des Ostens finden. Meine Meinung: die Frage muss geistlicher angegangen werden. Was will Gott in der heutigen kritischen Situation der Kirche in großen Teilen Mitteleuropa?  

Zur Frauenordination: Papst Benedikt ist der Ansicht, dass das Priesteramt nach Jesu Willen den Männern vorbehalten ist. Und weil es nur ein dreistufiges Amt aus Bischöfen, Priestern und Diakonen gibt, kann man den Frauen das Amt des Diakons nicht übertragen. Ich habe den Eindruck, dass viele Theologen gute Argumente dagegen haben. Es gab wohl in der jungen Kirchen Diakoninnen. Und vor allem hat sich die Rolle der Frau in Kirche und Welt total verändert. Daher muss man mit der Frau in der Kirche heute anders umgehen als durch Jahrhunderte.

Ich meine, es müsse für die geschiedenen Wiederverheiratete pastorale Lösungen geben. Konkret: Wenn diese Paare ihren Glauben leben und praktizieren, ihr möglichen Fehler wirklich bereuen, privat beten, ein Leben aus dem Glauben führen, normalerweise den Gottesdienst besuchen, dann sollten sie auch ohne großes Aufsehen die Kommunion empfangen dürfen. Aber einfach zu sagen: alle geschiedenen Wiederverheiraten können immer kommunizieren, scheint mir zu oberflächlich.

Analog dazu scheint mir der Umgang mit gemischten Ehepaaren sinnvoll und gut.

Zu den Fortschritten in der Ökumene: Man muss bedenken, dass die Ökumene weltweit eine weniger große Bedeutung hat als bei uns. Nur hier stehen sich zwei nahezu gleich große Gemeinschaften gegenüber. Anderswo ist es sehr anders. Daher ist die Not und der Druck nirgend so hoch wie bei uns – scheint mir. Beide Kirchen müssen sich bewegen. Ich habe den Eindruck, dass die evangelische Seite sich eher von Rom weg bewegt. Freilich sollte Rom manche Tollpatschigkeit durch Sensibilität vermeiden. Die Erklärung, dass die evangelischen Kirchen gar keine Kirchen sind, war solch eine Tollpatschigkeit.

Und schließlich die Frage nach dem Zentralismus, nach der Rolle der Ortskirchen. Es ist seltsam: das Konzil hat die Ortsbischöfe gegenüber Rom aufgewertet, ganz bewußt, weil durch das Dogma des 1. Vatikanischen Konzils von der universalen päpstlichen Vollmacht und der Unfehlbarkeit des Papstes das Papsttum gestärkt und vielleicht überbetont hatte. Daher wollte das 2. Vatikanum ein Gleichgewicht herstellen und das Bischofamt ebenso aufwerten, die Ortsbischöfe sollten ihre Verantwortung neu finden. Sie hatten das beim Konzil selbst geübt und vorgemacht. De facto aber haben wir heute mehr Zentralismus. Das mag mit der Technik zusammenhängen. Früher war Rom noch viel ferner. Aber es hängt wohl auch zusammen mit der überragenden Persönlichkeit von Johannes Paul II. Er war weltweit durch seine Reisen und über das Fernsehen präsent. Ohne es zu wissen und zu wollen, hat er die Bischöfe irgendwie in den Schatten gestellt. Es kommt dazu, dass Rom natürlich die Gefahr des Auseinanderfallens der wachsenden Kirche sieht. Rom empfindet, wenn wir nicht zusammenhalten, steuern, gegensteuern, dann fällt das Kirchenschiff auseinander. Zudem fehlen die äußeren Gegner, die dem Zusammenhalt dienten. Ich meine, wir bräuchten eine neue Gewichtverteilung. Nicht alles, was heute auf Römische Schreibtische kommt, sollte dort bleiben: Bischofsernennungen, Katechismen, Messbücher, Lehrerlaubnisse. Es müsste mehr Zwischeninstanzen zwischen dem einzelnen Bischof und Rom geben. Die Bischofskonferenzen haben ja keine rechtliche Vollmacht. Jeder Bischof ist direkt unter dem Papst und verspricht ihm Gehorsam. Rom ernennt wohl auch hauptsächlich Personen zu Bischöfen, die nach Gehorsam aussehen. Und die vielen neuen Bischöfe in den jungen Kirchen Asiens, Afrikas aber wohl auch Lateinamerikas haben meist noch nicht das geistige Rüstzeug, theologisch und kirchenrechtlich selbständiger zu denken und zu handeln. Sie schauen besonders nach Rom. Der Blick nach Rom ist ihr Rückgrat.

Ich fasse zusammen: Wenn alle Wünsche der engagierten Katholiken erfüllt würden, würde keineswegs von selbst ein frischer Wind durch die Kirche gehen. Die Auseinandersetzung müsste sein mit anderen Weltanschauungen, mit der Unterhaltungsgesellschaft, auch mit der Unfähigkeit von uns Kirchenleuten, das Evangelium Jesu so zu präsentieren, dass es neuen Glanz erhält. Wie müssen wir leben und verkündigen, damit Jesus wieder durchscheint. Brauchen wir gemeinsames Leiden? Krieg? Elend, Hunger, Pest? Wir können Glauben nicht organisieren, machen, produzieren. Er kann wachsen, wenn wir richtig leben. Er ist Gnade.

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